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Börsen-Zeitung: Schlag ins Gesicht, Kommentar von Sebastian Schmid zum US-Urteil gegen den Softwarekonzern SAP zur Zahlung von 1,3 Mrd. Dollar Schadenersatz an den Konkurrenten Oracle

Frankfurt (ots) - Schallender hätte die Ohrfeige kaum ausfallen können, die acht US-Geschworene dem deutschen Softwarekonzern SAP verpasst haben. Wegen Industriespionage und Urheberrechtsverletzungen sollen die Walldorfer 1,3 Mrd. Dollar ausgerechnet an den Erzrivalen Oracle zahlen. Jahrelang hatte SAP die milliardenschweren Forderungen von Oracle-CEO Larry Ellison als überzogen bezeichnet. Bis zuletzt wurde nur ein niedriger dreistelliger Millionenbetrag für den Rechtsstreit vorgehalten. Umso peinlicher fällt nun die juristische Niederlage aus.

Die SAP-Argumentation, eine Strafe dürfe maximal 40 Mill. Dollar betragen, hatte durchaus Grundlage. Deren US-Tochter TomorrowNow,über die der Datenklau erfolgte, kostete beim Kauf im Januar 2005 nur 10 Mill. Dollar und setzte entsprechend wenig um. Wie Oracle auf einen Milliardenschaden kommt, mag daher kaum einleuchten. Es gab zwar unlängst ähnlich hohe Schadenersatzzahlungen in der IT-Industrie: So berappte etwa Intel 2009 gut 1,25 Mrd. Dollar, um neben einigen Patentrechtsverletzungen auch grobe wettbewerbsrechtliche Verstöße gegen den Wettbewerber AMD zu sühnen. Intel hatte AMD zuvor allerdings auch fast in den Ruin getrieben.

Ein vergleichbarer "Erfolg" war SAP nicht beschieden. Zwar hatten die Walldorfer TomorrowNow erworben, um Oracle Wartungskunden abzujagen. Dies gelang allerdings nur in 85 Fällen. Die zusätzlichen Erlöse lagen bestenfalls im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Es ist allerdings verwunderlich, dass SAP zu der Fehleinschätzung kam, das Gericht richte sich bei der Urteilshöhe nach dem maximal angefallenen Nutzen einer Urheberrechtsverletzung. Für das US-Justizsystem ist es nicht untypisch, dass die Strafe den Schaden um ein Vielfaches übersteigt.

Angesichts der wohl anfallenden Gesamtbelastung von 1,5 Mrd. Dollar inklusive Anwaltskosten stellt sich die Frage der Verantwortung nicht nur vor Gericht. Für den Gewinn einiger Kunden hat Europas größter Softwarekonzern seine Reputation riskiert und auch beschädigt - selbst wenn die Strafe noch reduziert würde. Der heutige Co-CEO Bill McDermott war während der Datendiebstähle Chef des US-Geschäfts von SAP, zu dem TomorrowNow gehörte. Auch für ihn ist das Urteil ein Schlag ins Gesicht. Neun Monate nach dem Abgang von Léo Apotheker droht SAP vielleicht schon die nächste Führungskrise.

(Börsen-Zeitung, 25.11.2010)

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