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Börsen-Zeitung: Nur ein Strohfeuer, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn

Frankfurt (ots) - Wäre die Stabilisierung der Aktienmärkte das Hauptziel des EU-Rettungsschirms, könnten seine Urheber die Operation als einen großen Erfolg feiern - zumindest vorläufig. Mit starken Kurssteigerungen haben die Börsen auf das Maßnahmenpaket, durch das die Insolvenz Griechenlands und ein Flächenbrand in der Peripherie der Eurozone abgewendet wurden, reagiert. Schnell ist der Dax wieder über die Schwelle von 6000 Punkten zurückgekehrt. Das Jahreshoch von 6342 Zählern verfehlte er dabei nur um 1%.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass sich der Kursaufschwung letztlich nur als Strohfeuer erweist, auch wenn das Risiko eines unmittelbaren Bankrotts des griechischen Staats nun nicht mehr besteht. Die Schwäche gerade von Bankaktien am Freitag und die Entwicklung anderer Marktsegmente zeigen deutlich, dass noch längst keine Entwarnung gegeben werden kann. So hat der Euro nach einem kurzen Aufbäumen seine Talfahrt wieder aufgenommen und am Freitag erstmals seit November 2008 wieder unterhalb von 1,24 Dollar notiert. Das Rettungspaket lässt viele Probleme ungelöst - so insbesondere die nach wie vor als sehr gering einzuschätzende Wahrscheinlichkeit, dass die Griechen jemals in der Lage sein werden, ihre Schulden zurückzuzahlen.

Euro unter Druck

Vor allem aber werden neue Probleme geschaffen. Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank leiden unter der Entscheidung der Währungshüter, Anleihen finanziell angeschlagener Staaten anzukaufen. Dies schwächt die Hoffnung darauf, dass die noch junge Währung auch langfristig so hart sein wird, wie einst die D-Mark. Der Traum von einer Konkurrenzveranstaltung zum Dollar als Weltleitwährung löst sich in Luft auf, der Euro bleibt unter Druck. Auch der Rekord des Goldpreises und die neuerliche Flucht in deutsche Staatsanleihen, die dem Bund-Future am Freitag Gewinne von mehr als einem Prozentpunkt bescherte, zeigen an, dass noch lange keine Ruhe einkehren wird.

Dem Aktienmarkt drohen weitere Rückschläge. So deuten die zusätzlichen Sparanstrengungen Portugals und Spaniens, die mit steigenden Kursen begrüßt wurden, in Wirklichkeit auf erhebliche Risiken für Dividendentitel hin. So könnten die Proteste gegen die Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen immer wieder Zweifel an ihrer Durchsetzung schüren.

Vor allem aber verschärfen sich die latenten Gefahren, die von einem Ende der geldpolitischen und fiskalischen Stützungsmaßnahmen ausgehen. Zwar werden die extrem niedrigen Leitzinsen in den Industrieländern nun noch länger erhalten bleiben als bisher angenommen. Die Fiskalpolitik vollzieht jedoch eine brisante Kehrtwende. In einer Phase, in der die weltweiten Konjunkturstimuli und positive Lagerzykluseffekte wegfallen, müssen drei Staaten der Eurozonen-Peripherie auf der Ausgabenseite eine Vollbremsung vollziehen. Zudem stehen umfangreiche Sparmaßnahmen auch in größeren Volkswirtschaften, darunter Deutschland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten, noch an.

Auf wackeligen Beinen

Gleichzeitig steht die Konjunkturerholung der Industrienationen, die nur ein mäßiges Wachstum zeigen, auf wackeligen Beinen. Außerdem drohen die von den Schwellenländern ausgehenden Impulse nachzulassen. Aufgrund von Überhitzungserscheinungen und zunehmenden Inflationsgefahren greifen Länder wie Brasilien, China und Indien zu Kreditrestriktionen und Leitzinserhöhungen, was zu empfindlichen Wachstumseinbußen führen könnte.

Kurzfristig kommt für die Aktienmärkte erschwerend hinzu, dass bei zunehmenden Risiken nun auch noch die Quartalsberichtssaison dem Ende entgegen geht. Damit werden die von den Unternehmensgewinnen ausgehenden positiven Impulse, die eine der Hauptantriebskräfte der im März 2009 begonnenen Aufwärtsbewegung sind, wegfallen. Für die kommenden Wochen zeichnet sich für Aktien und andere Risiko-Assets bestenfalls Stagnation ab, sodass wahrscheinlich diejenigen Recht behalten werden, die in dem aktuellen Umfeld den Investoren dazu raten, dem Kapitalerhalt Vorrang einzuräumen.

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