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Börsen-Zeitung: Entzauberte Wall Street, Kommentar von Michael Flämig zum angekündigten Rückzug der Allianz von den internationalen Börsen

    Frankfurt (ots) - New York, London, Mailand, Paris und Zürich: Das sind klangvolle Namen nicht nur in den Ohren von Touristen, sondern auch in der Wahrnehmung des Kapitalmarktes. Beim Börsenhandel gilt dies zumindest für die angelsächsischen Metropolen. In den USA sitzt der weltgrößte Umschlagplatz für Aktien, und die britische Insel ist in dieser Disziplin führend in Europa. Trotzdem kündigt die Allianz den Rückzug von diesen Börsen an. Künftig soll der Handel nur in Deutschland möglich sein. Düsseldorf statt Manhattan? Ohne der Stadt am Rhein zu nahe zu treten: Kehrt die Provinzialität in die Kapitalmarktpflege deutscher Unternehmen zurück?

    Tatsächlich werden Anleger beispielsweise aus Kalifornien gezwungen sein, ihre Order nach Frankfurt zu leiten oder gar eine der Regionalbörsen anzusteuern. Doch das Fehlen der Weltoffenheit entpuppt sich beim zweiten Blick als perfekte Globalisierung. Denn dank der vernetzten Datensysteme ist es zumindest für professionelle Anleger egal, wo ihre Investmententscheidung umgesetzt wird. Frankfurt ist eben nur einen Knopfdruck von Sacramento entfernt. Wichtig aus Investorensicht ist allein eine schnelle Abwicklung zu einem fairen Preis. Dieser ist am ehesten am Börsenplatz mit der höchsten Liquidität gewährleistet - eben in der Regel im Heimatland des Emittenten. Die Investoren haben dies auch im Fall der Allianz längst erkannt, ihre Orders laufen meist über Frankfurt. Insofern ist die Entscheidung der Versicherung nur der Vollzug dessen, was längst Praxis ist.

    Doch auch aus Sicht der Emittenten hat sich die Welt verändert im ablaufenden Jahrzehnt. Die Wall Street ist nicht mehr ihr Mekka, weil Akquisitionen in der globalisierten Welt keinesfalls an einer fehlenden US-Notierung als Akquisitionswährung scheitern. Transparenz ist durch die Konvergenz der Rechnungslegung sowieso garantiert. Auch mehr Aufmerksamkeit benötigen deutsche Konzerne nicht mehr, ihr Aktionärskreis ist schon internationalisiert. Das Ziel eines verstärkten Handels in der Aktie wurde sowieso meist verfehlt.

    So ist die Notierung an ausländischen Börsen und insbesondere in New York zum Symbol geworden: ein Bekenntnis des Emittenten zum Heimatland dortiger Konzernbeschäftigter sowie von Kunden. Doch der Preis, der in Form von unkalkulierbaren Aufsichtsbehörden und sich ständig verändernden Vorschriften bezahlt wird, ist sehr hoch.

    (Börsen-Zeitung, 23.9.2009)

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