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Börsen-Zeitung: Im Teufelskreis Kommentar zu den Märkten, von Claus Döring

    Frankfurt (ots) - Bankenkrise, Finanzkrise, Weltwirtschaftskrise. Das ist der Komparativ, der die Märkte erfasst hat und in Panik versetzt. Am liebsten möchte man die Augen schließen beim Anblick des Kursgemetzels an den Aktienmärkten. Doch das hielte den Absturz ebenso wenig auf wie die vorübergehende Schließung der Börsen, die nun ins Gespräch kommt. Besser, der Ausverkauf findet in geordneten Bahnen und beaufsichtigten Märkten statt als im Chaos. Solange Handel stattfindet, ist die Hoffnung nicht verloren. Schließlich steht jedem Aktienverkäufer und damit Pessimisten auch ein Käufer und damit Optimist gegenüber.

    So dramatisch sich die zurückliegende Woche ausnimmt, in der sich allein im Dax eine Marktkapitalisierung von gut 130 Mrd. Euro in Luft aufgelöst hat - vom Tief des deutschen Leitindex von 2189 Punkten aus dem März 2003 sind wir noch deutlich entfernt. Ein Trost? Der nackte Vergleich von Indexständen führt in die Irre: 2003 ist nicht 2008. Der fundamentale Unterschied zum Absturz 2003 infolge der geplatzten Technologieblase ist, dass jetzt nach dem Platzen der Immobilienblase die Welt der Banken und Finanzen in ihren Grundfesten erschüttert ist und morgen völlig anders aussehen wird.

    Zwei linke Hände

    Auch die Unterscheidung in Finanz- und Realwirtschaft war gestern, jetzt kumulieren die Probleme beider Welten. Nach den Giganten der Wall Street wanken die Ikonen der Industrie. Schon sorgt der drohende Flächenbrand dafür, dass die Apologeten des Weltuntergangs die Schlagzeilen erobern. Der Glaube an die unsichtbare Hand des Marktes ist tief erschüttert, die starke Hand des Staates soll es richten. Doch welcher Staat, welche Hände? Erleben wir nicht gerade in den USA, dass es sich um zwei linke Hände handelt?

    Das Krisenmanagement von US-Finanzminister Hank Paulson ist gescheitert, sein Nimbus ramponiert wie der seines früheren Arbeitgebers, der Investmentbank Goldman Sachs. Mit jedem Tag der Krise dokumentiert die US-Regierung ihre Hilflosigkeit. Die Rettungsmaßnahmen verlangen in immer kürzeren Abständen immer größere Summen, eine Fehlentscheidung jagt die andere: nach Lehman-Pleite und 700-Mrd.-Dollar-Bail-out folgte die direkte Industriefinanzierung durch die US-Notenbank über Annahme von Commercial Papers. Kann man sich eine deutlichere Kapitulation des US-Bankensektors vorstellen?

    Schlimmer noch: Auch die Notenbanken haben sich in den Strudel des Vertrauensverlustes ziehen lassen. Denn die konzertierte Zinssenkung der sechs Notenbanken verpuffte, kaum dass sie verkündet war. Fazit: Auch die Währungspolitik ist mit ihrem Latein am Ende. Der monetäre Transmissionsmechanismus funktioniert nicht in der jetzigen Lage. Das Signal, das die Hüter der Währungen mit ihrer konzertierten Aktion in die Welt schicken wollten - dass sie den Ernst der Lage erkannt haben und sich gemeinsam gegen die Krise stemmen werden -, ist zum Signal ihrer Hilflosigkeit geworden.

    Der Staat als Banker

    So bitter es ist nach den bisherigen Erfahrungen, jetzt bleibt nur noch eine Institution, die den Teufelskreis durchbrechen kann: der Staat. Nicht deshalb, weil Politiker die besseren Banker wären, sondern deshalb, weil allein der Staat wieder Vertrauen schaffen kann. Mit der weitgehenden Garantie der Spareinlagen wurde dem Run der Anleger auf die Banken vorgebeugt. Das hat den Steuerzahler (bisher) nichts gekostet, aber Vertrauen erhalten. Jetzt muss die Garantie der Institute folgen. Die deutsche Bundesregierung und die Bundesbank denken deshalb in die richtige Richtung, wenn sie sich Großbritannien zum Vorbild nehmen. Allerdings: Eine Patronatserklärung ist eine notwendige, nicht aber eine hinreichende Bedingung zur Wiederherstellung des Vertrauens. Nur Kapital zur Verfügung zu stellen, ob als Fremdkapital in Verbindung mit Bürgschaften oder als Einstieg ins Eigenkapital über Vorzugsaktien, reicht nicht. Ein "weiter so" mit einfach nur besserer Kapitalausstattung darf es dann nicht geben.

    Die Rezession kommt

    Wenn der Staat und damit Steuerzahler eine Bank rettet, indem er Eigenkapital gibt und Aktionär wird, muss er das Heft in die Hand nehmen und für einen Neuanfang sorgen: beim Management und beim Geschäftsmodell. Banken, die "too big to fail" waren, müssen auf Dimensionen zurechtgestutzt werden, von denen künftig kein systemisches Risiko mehr ausgeht. Je konsequenter unter der Regie des Staates als Aktionär die Neuordnung der Bankenwelt vorangetrieben wird, desto schneller wird im Zuge einer befristeten Verstaatlichung das Vertrauen zurückkehren und die spätere Reprivatisierung möglich sein. Vor einer Illusion sollte man sich bei diesem Szenario hüten: Selbst wenn es gelingt, in einem koordinierten internationalen Kraftakt das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren - die Rechnung in Gestalt einer tiefen Rezession wird kommen und die Aktienmärkte noch öfters auf Talfahrt schicken.

    (Börsen-Zeitung, 11.10.2008)

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