"Heute werden Gemälde nass gekauft und noch feucht versteigert"
AD-Expertengespräch zur Lage des Kunstbetriebs

    München (ots) - Die Kunstwelt ist zu einem Industriebetrieb
geworden, in dem Society-Käufer die Preise hochtreiben und rigoroses
Marketing eine "Spekulationsblase" erzeugt. Das kritisieren
Kunstexperten, die das Magazin AD Architectural Digest zu einem
Gespräch zur Lage der Gegenwartskunst eingeladen hat. Moderne Kunst
steht heute zwar stärker in der Öffentlichkeit, doch für Bernhart
Schwenk, der den Sammlungsbereich Gegenwartskunst der Münchener
Pinakothek der Moderne verantwortet, hat dies auch Nachteile:
"Manchmal wird zu viel Presserummel erzeugt. Ich denke da an den Fall
Immendorf. Wegen Koks, "Bild" und "Bunte" platzte die Berliner
Galerie bei der Eröffnung aus allen Nähten. Dass die alten Bilder
richtig gut waren, haben die wenigsten bemerkt."
    
    Für Gérard Goodrow, Direktor der Kunstmesse Art Cologne, ist
Effekthascherei nichts Neues. Schon die alten Meister beherrschten
die Kunst der Provokation aus Kalkül: "Es gab immer Spektakel in der
Kunst. Die tote Maria von Caravaggio war ein beabsichtigter Skandal.
Er hat eine verstorbene Nutte genommen und sie so realistisch gemalt,
als sei Maria wirklich gestorben und nicht in den Himmel aufgefahren.
Inzwischen nehmen wir diese skandalöse Seite der Kunst nicht mehr
wahr, sondern nur das Schöne."
    
    Kunst-Sammler wie Christian Boros beklagen, dass Kunst immer mehr
aus Eitelkeit und weniger mit Sachverstand gekauft wird: "In
Auktionen schlagen die Society-Täter zu, die womöglich noch stolz
darauf sind, dass der überteuerte Preis, den sie bezahlt haben,
überall publiziert wird." Kunstbesitz wird zum schicken Etikett.
"Namedropping-Sammler wollen von einem Star ein Paar Krümel kaufen -
Papierarbeiten, konvenientes Zeug, das in Zahnarztpraxen wuchert."
Die Künstler selbst profitieren davon, so Boros: "Früher tauchte
Zeitgenössisches nur am Markt auf, wenn der Sammler gestorben war,
heute werden Gemälde nass gekauft und noch feucht versteigert."
    
    
    
ots Originaltext: AD Architectural Digest
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