SOS-Kinderdörfer weltweit

"Nicht anfassen!" - Die Gefangenen der Ebola-Seuche

"Nicht anfassen!" - Die Gefangenen der Ebola-Seuche
Emmanuel Woode, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Sierra Leone. Laut Woode gibt es in Sierra Leone bereits 1000 Ebola-Waisen. Viele von ihnen sind ohne jede Hilfe. Das Foto ist im Rahmen von Berichterstattung über die SOS-Kinderdörfer kostenfrei zu verwenden. Weiterer Text über OTS und www.presseportal.de/pm/1658 / Die Verwendung dieses Bildes ...
Weitere Info

Freetown/München (ots) - Das Ebola-Virus breitet sich rasend schnell aus. In Sierra Leone haben schon mehr als 1000 Kinder ihre Eltern an die tödliche Krankheit verloren und es werden täglich mehr. Über 950.000 Menschen leben dort in einem streng abgeriegelten Gebiet, dass unter Quarantäne gestellt wurde.

Der Leiter der SOS-Kinderdörfer in Sierra Leone, Emmanuel Woode, hat sich in das Ebola-Epizentrum gewagt und berichtet von Menschen, die sich selbst überlassen wurden, stigmatisierten Kindern, um sich greifender Angst und Hunger.

Herr Woode, Sie haben gerade das Epizentrum der Ebola-Epidemie in Sierra Leone besucht, was haben Sie gesehen?

Woode: In Kenema, einer der zwei am schwersten betroffenen Städte, bewachen Militär und Polizei die Zugangsstraßen. Die ganze Stadt steht unter Quarantäne. Niemand, mit Ausnahme von medizinischem Personal und ein paar NGOs, kommt hier rein oder raus. Die Menschen sind quasi in der Stadt mit dem Virus gefangen.

Wie ist die Versorgungslage in der Stadt?

Woode: Momentan sind Märkte und Geschäfte noch geöffnet und die Menschen können sich versorgen. Aber je länger die Abriegelung andauert, desto kritischer wird die Versorgungslage. In den drei isolierten Stadtvierteln innerhalb von Kenema, wo die Seuche ausbrach, ist die Lage verzweifelt. Es gibt jetzt schon weder Nahrungsmittel noch medizinische Versorgung. Die Leute hungern, dürfen aber nicht raus. Erkranken sie, sind die Chancen auf Heilung sehr gering.

Und die medizinische Situation? Viele Kliniken wurden doch geschlossen...

Woode: Die meisten privaten Kliniken sind in ganz Sierra Leone geschlossen. Die staatlichen Ebola-Zentren sind die einzigen, die noch arbeiten. WHO und MSF betreiben Ebola-Testlabors. Aber wer krank wird, hat ein Problem. In der Quarantäne-Zone Kenema berühren selbst die "Ebola-Teams" die Kranken nicht. Zu viel medizinisches Personal ist bereits gestorben. Wie sie unter diesen Bedingungen Menschen versorgen wollen, ist mir ein Rätsel. Es ist absurd.

Sind die Menschen mittlerweile über Präventionsmaßnahmen aufgeklärt?

Woode: Nein, absolut nicht. Selbst im Zentrum der Epidemie, in Kenema, nehmen die Leute die Gefahr noch immer nicht ernst. Das ist das Problem bei einer Analphabeten-Rate von über 60 Prozent und einem Feind, der so unsichtbar ist, wie der Ebola-Erreger. Überall in Kenema sehe ich, wie die Leute sich zur Begrüßung umarmen, sich die Hände schütteln oder sich zu sechst in ein Taxi quetschen. Versammlungen sind zwar offiziell untersagt, aber die Märkte sind voll. Die Seuche verbreitet sich so unaufhaltsam.

Wie schützen Sie sich vor Ebola?

Woode: Unsere Schulen, Kindergärten und Familienhilfeprogramme sind vorübergehend geschlossen und unser Personal haben wir bis auf eine Notbesetzung nach Hause geschickt. Die Kinderdörfer sind abgeriegelt. Es gibt Kontrollen an den Eingängen und die Kinder und Mütter dürfen das Areal nicht verlassen. Wenn die Ebola unser Tor passiert, haben wir ein Problem. Unter solchen Schutzmaßnahmen ist jegliche Art von Hilfe eine Herausforderung.

Der tödliche Virus hinterlässt mittlerweile auch immer mehr Waisen. Was haben Sie bei Ihrem Vor-Ort-Besuch im Ebola-Epizentrum Kenema erfahren?

Woode: Allein in Kenema gibt es mittlerweile mindestens 165 Waisenkinder. Die Kinder sind stigmatisiert. Sie waren mit ihren kranken Eltern zusammen. Weder Verwandte noch irgendwer sonst ist bereit, sich nach dem Tod ihrer Familien um die Kleinen zu kümmern. Alle haben Angst vor Ansteckung.

Was kann SOS tun?

Woode: Wir wurden gebeten, die Kinder aufzunehmen, aber so einfach ist das nicht. Die Waisen stehen unter Quarantäne und wir müssen natürlich auch zu unserem Schutz eine Ansteckungsgefahr ganz sicher ausschließen. Die traurige Wahrheit ist: Es werden noch eine Menge Waisen mehr werden und wir können nicht alle retten. Wir werden versuchen die Kinder bei Verwandten unterzubringen. Wenn das nicht geht oder niemand mehr da ist, nehmen wir die Kinder bei uns auf. Aktuell aber können wir nicht mehr tun, als das Überleben der Kinder mit Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung zu sichern.

Tod der Eltern, Stigmatisierung... ist das nicht traumatisch für die Kinder?

Woode: Absolut. Bei meinem Besuch der Waisen in Kenema wurden die Kinder ständig ermahnt: "Nicht anfassen!" Wie sollen kleine Kinder das verstehen? Mir zerriss es das Herz, weil auch mein 9-jähriger Sohn mich vor meiner Abfahrt umarmte und sagte: "Daddy, bitte fasse niemanden an!" Die Kinder dagegen haben niemanden, der sich um sie sorgt oder sie beschützt.

Ein Interview mit Emmanuel Woode ist auf Anfrage möglich.

Pressekontakt:

Weitere Informationen:
Louay Yassin
Pressesprecher
SOS-Kinderdörfer weltweit
Tel.: 089/179 14-259
E-Mail: louay.yassin@sos-kd.org
www.sos-kinderdoerfer.de

Original-Content von: SOS-Kinderdörfer weltweit, übermittelt durch news aktuell

Weitere Meldungen: SOS-Kinderdörfer weltweit

Das könnte Sie auch interessieren: