Das zweite Kernwaffenzeitalter - Abschreckung oder Präventivschlag?
Aktuelle Studie des HAUS RISSEN HAMBURG zum fünften Jahrestag des 11. September 2001

    Hamburg (ots) - Die wahre Herausforderung für die internationale Sicherheit ist nicht der Terrorismus, sondern die Atombombe in den Händen regionaler Mächte. Zu diesem Urteil kommt Dr. Eckard Bolsinger, stellvertretender Direktor des HAUS RISSEN HAMBURG. Die europäischen Staaten werden lernen mit terroristischen Anschlägen zu leben, doch sie scheinen nicht zu bemerken, dass wir schon längst im zweiten Kernwaffenzeitalter angekommen sind. Die Vereinigten Staaten haben dagegen die erste nukleare Ära des Kalten Krieges weit hinter sich gelassen. Obwohl bekannt sein dürfte, dass der Besitz von Atomwaffen längst kein Privileg der klassischen Nuklearmächte mehr ist, wird die nukleare Bedrohung nur als abstrakt wahrgenommen. Erst wenn ein Atomkrieg in einer der Krisenzonen der Welt ausbricht, so Bolsinger, werden sich die Nuklearwaffen von einer nur hypothetischen Bedrohung zu einem drängenden Problem wandeln. Solange es Nuklearwaffen gibt, ist ein Atomkrieg möglich. Wenn ein neuer Staat wie gegenwärtig der Iran mit aller Macht und unaufhaltsam in den Club der Atommächte drängt, gibt es nur zwei wirksame Möglichkeiten: Abschreckung oder Präventivschlag. Die Sicherheitsstrategie der USA optiert eindeutig für letztere. Wie werden sich die europäischen Staaten entscheiden, wenn alles Verhandeln das Streben eines Staates nach atomarer Bewaffnung nicht verhindern kann?

    Im Gegensatz zu den Europäern leben die USA schon im zweiten Kernwaffenzeitalter. Die Logik der Abschreckung und der militärischen Vergeltung des ersten Nuklearzeitalters, um Kriege zu vermeiden und Frieden zu schaffen, ist für sie nicht mehr funktionsfähig. Die Politik des Regimewechsels, der Präemption, des Aufbaus eines Raketenabwehrsystems und die neue Generation 'kleiner' Nuklearwaffen sind eine Antwort auf die gewandelte Lage. Sie sollen Frieden und Stabilität schaffen. Die Rhetorik der Europäer sieht in dieser Strategie keine angemessene Form, um auf die neue Herausforderung zu reagieren. Im Zweifelsfall machen sie die neue Strategie dafür verantwortlich, dass neue Mächte erst nach der Bombe streben und die Welt dadurch unsicherer wird. Dabei übernehmen sie unbewusst die Argumentation der neuen Nuklearstaaten. Für Eckard Bolsinger haben die Europäer nur eine Wahl: Entweder vertrauen sie auf die abschreckende Wirkung von atomaren Vergeltungsschlägen und bauen eine eigene atomare Streitmacht auf, um die aufstrebenden Atommächte in Asien und dem Nahen Osten zu einzudämmen oder sie schließen sich der Strategie der USA an. Entweder akzeptieren die Europäer eine Welt mit vielen Atommächten oder sie setzen Gewalt ein, um genau dies zu verhindern.

    Ganz gleich wie sich die Europäer entscheiden werden, die Gefahr
von Nuklearkriegen wächst. Sollte eine Atombombe eines Tages
explodieren, so wird sie die internationale Ordnung mehr verändern
als der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Terroranschläge auf das
World Trade Center.              

    Eine ausführliche Fassung dieses Beitrags finden Sie unter:     http://www.hausrissen.org/e82/e134/e65/e733/index_ger.html

Dr. Eckard Bolsinger Stellv. Institutsdirektor HAUS RISSEN HAMBURG Internationales Institut für Politik und Wirtschaft E-Mail: Bolsinger@hausrissen.org

Pressekontakt: Dr. Dirk Pangritz Vorstandsmitglied HAUS RISSEN HAMBURG Tel. (040) 81 907 10 E-mail: presse@hausrissen.org