50 Jahre Tagesschau - Die tägliche Andacht der Deutschen
Köln (ots) - Auch nach 50 Jahren hat die Tagesschau eine
überragende Bedeutung im Seelenhaushalt der Zuschauer, die sie unter
allen Nachrichtensendungen einzigartig macht: In einer immer
unübersichtlicheren und zersplitterten Welt der globalen
Multioptions-, Wirtschafts- und Spaßgesellschaft gibt sie durch ihre
strenge Form und ihren Verzicht auf modische Anpassungen an den
Zeitgeist den Zuschauern Fassung und Halt im Alltag.
Mit ihrer inzwischen 50-jährigen Geschichte ist die Tagesschau in
ihrer psychologischen Wirkung zur einzigen dauerhaften und für die
Deutschen unverzichtbaren Instanz der "Gefühlsapotheke Fernsehen"
geworden: Jeden Abend um 20 Uhr versammelt sich die Nation zu einem
semi-religiösen Ritual der Selbst-Vergewisserung, in dem trotz aller
aktuellen Wendungen des Tagesgeschehens die Normalität des Alltags
beschworen wird.
Die Tagesschau ist nicht nur das Fieberthermometer für den Zustand
der Welt, sondern in ihrer psychologischen Wirkung auch gleichzeitig
ein bewährtes und habituell verankertes Therapeutikum gegen das
Gefühl, hilflos bedrohlichen Entwicklungen ausgeliefert zu sein.
Die zentralen psychologischen Züge der Tagesschau
Sechs zentrale psychologische Züge prägen die Rezeption der
ältesten deutschen Nachrichtensendung, die am 26. Dezember 1952 zum
ersten Mal als Regelsendung ausgestrahlt wurde: Die Tagesschau prägt
den Biorhythmus der Zuschauer, schafft ein übergreifendes
gesellschaftliches Gemeinschaftsgefühl, orientiert als
Richtungsweiser im Weltgeschehen, ist ein Spiegel des eigenes
Zuschauer-Tages, kanalisiert wechselhafte Stimmungen in einem
Beruhigungsritual und fungiert als seelisch stärkender
Gesinnungs-TÜV.
Diese Funktionen erfüllt sie auch für jüngere Zuschauer, die
allerdings vor allem mit Soap-Operas nach ähnlichen seelischen
Bedeutungen suchen: Mit zunehmendem Alter wenden sie sich dem seit
zwei Generationen bewährten allabendlichen Ritual der Tagesschau zu.
1. Die Tagesschau prägt den Biorhythmus der Nation
Das feste Programmschema der Tagesschau um 20.00 Uhr hat
maßgeblichen Anteil an der Strukturierung des Tagesverlaufes in
unserer Kultur: Die 20.00 Uhr Marke läutet im Biorhythmus der Nation
den Feierabend an. An diese, seit 50 Jahren von der Tagesschau
geprägte Richtmarke halten sich nicht nur die anderen
Fernsehprogramme, sondern auch Kinos, Theater und andere Freizeit-
und Kulturangebote: Um 20.00 Uhr nimmt der Durchschnittsbürger
Abschied von seelischen Arbeits- und Familienroutinen und wendet sich
der seelischen Freizeitverfassung zu.
2. Die Tagesschau erzeugt ein übergreifendes Gemeinschaftsgefühl
Die Tagesschau konturiert buchstäblich einen Gemeinschaftsraum:
Durch den verlässlichen und faktischen Blick auf politische,
sportliche und kulturelle Ereignisse erzeugt sie unter den
Fernsehzuschauern seit 50 Jahren ein bergendes Gefühl der Einheit.
Für eine rituelle Viertelstunde fühlt sich der Zuschauer einer
Fernseh- und Schicksalsgemeinschaft verbunden: Vor allem bei
dramatischen und verstörenden Ereignissen wie dem 11. September
sammelt sich die Nation im sicheren und bewährten Hafen der
Tagesschau.
3. Die Tagesschau ist Richtungsweiser im Weltgeschehen
Durch die Tagesschau vergewissert sich der Zuschauer, was wichtig
und unwichtig ist in der Welt und worauf er besonders zu achten hat:
Vor allem die eher strenge und entsubjektivierte journalistische Form
ohne starke Infotainment-Elemente und überbordende Skandalismen macht
die Tagesschau zu einer quasi objektiven Leit- und
Orientierungsinstanz: Hier glaubt der Zuschauer verlässlich zu
erfahren, ob etwas passiert ist, dass seine eigenen Lebenskreise
gefährden könnte.
4. Die Tagesschau spiegelt die Erlebnisse des eigenen Tages
Die Fernsehzuschauer blicken zwar während der Tagesschau in die
große weite Welt, sie betreiben dabei aber unbewusst auch eine sehr
private Tages-Schau: denn die Berichte und Meldungen der Tagesschau
sind immer auch Gleichnisse für ihre eigenen Lebensverhältnisse und
die persönlich bewegenden Themen des Tages. Nachrichten sind immer
auch ein Spiegel der Entwicklungen und Wendungen, der Bündnisse und
Zerwürfnisse, der Siege und Niederlagen des eigenen Alltags: Das
Besondere des eigenen Tages wird häufig erst im Schicksals-Spiegel
des Weltgeschehens beschaubar. Daher weiß auch noch heute jeder
Zuschauer genau, was er privat am 11. September gemacht und erlebt
hat.
5. Die Tagesschau dient als Beruhigungs-Ritual - sie kanalisiert
Ängste und Verstimmungen
Die diffusen und frei flottierenden Beunruhigungen, Verstimmungen
und Ängste, die den eigenen Alltag des Zuschauers ständig grundieren,
werden durch das allabendliche Ritual der Tagesschau kanalisiert und
in eine erzählbare Form gebracht. Häufig werden persönliche
Stimmungen oder Verstimmungen erst durch einen Tagesschau-Bericht
greifbar und rezipierbar. Das diffuse persönliche Unbehagen wird so
zu einem öffentlichen Ereignis und Ärgernis. Durch die vor dem
Fernseher artikulierte Empörung lassen sich die seelischen
Anspannungen des Tages lösen und bewältigen. Die Weltsorgen
relativieren zudem oft die persönlichen Sorgen. Spätestens am Ende
der Tagesschau wird die diffuse Seelenlage zu einer reinen
Wetterfrage.
6. Die Tagesschau hat die Funktion eines Gesinnungs-TÜV
Durch das Ritual der Tagesschau überprüfen die Fernsehzuschauer
auch die Relevanz und Tauglichkeit ihrer eigenen Lebensprinzipien:
Die Sendung wird nicht passiv konsumiert, sondern die Ereignisse der
Berichterstattung werden gedanklich kommentiert und sortiert. Der
Zuschauer beweist sich, dass er die rechte Haltung und Gesinnung hat
und dass eigentlich vieles in der Welt besser laufen könnte. Sei es,
dass Ereignisse wie die Wirtschafts- oder Steuerkrise vorhersehbar
gewesen sind und die eigene Einstellung angemessener und
erfolgversprechender ist oder dass im konkreten Handeln von
Politikern und Fußballtrainern bereits das Scheitern vorprogrammiert
ist: Die Zuschauer beenden ihre viertelstündige Konfrontation mit dem
Unvorhergesehenen paradoxerweise nicht seelisch geschwächt, sondern
gestärkt: Sie sehen sich trotz der täglichen Unbilden des
Weltgeschehens in ihrer Haltung bestätigt.
Projektleitung: Stephan Grünewald
ots Originaltext: rheingold
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Thomas Strätling
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