Wähler im Dilemma: Die "unerbittliche" Kompetenz Stoibers steigert die Attraktivität des Kanzlers
Köln (ots) - Wenige Tage vor der Bundestagswahl sind die Wähler der Regierungskoalition und der Opposition in einem psychologischen Dilemma, zu dessen Auflösung die aktuelle Parteienwerbung keinen Beitrag leistet: Die Anhänger der Regierungsparteien haben ihre ursprünglichen Erwartungen in den Regierungswechsel vor vier Jahren verloren und wirken fatalistisch und ratlos. Sie wissen nicht, wie die eigentlich notwendigen Reformen realisiert werden sollen, ohne dass ihnen daraus ein persönlicher Nachteil entsteht. Die Anhänger von CDU/CSU und FDP orientieren sich an dem optimistischen Bild eines wiedererstarkten Deutschlands nach dem klaren Muster der "goldenen 80er Jahre", aus dem die aktuellen internationalen Entwicklungen ausgeblendet sind. Sie vermissen jedoch eine charismatische Persönlichkeit, die diese klare Richtung verkörpert, vorlebt und die begeistert. Die psychologischen Profile der Spitzenpolitiker werden zum wahlentscheidenden Faktor: Dem sorgenden und warmherzigen "geläuterten Lebemann" Gerhard Schröder steht der fleißige und fachlich untadelige "gestrenge Oberlehrer" Edmund Stoiber gegenüber. Der Herausforderer wird von allen Wählern als hochgradig durchsetzungsfähig und kompetent, aber auch als verbissen und "gnadenlos" erlebt: Er wird respektiert, aber nicht geliebt.
Viele noch unentschlossene Wähler tendieren zu Schröder, weil sie fürchten, unter einem Regierungschef Stoiber selbst Opfer einer "schmerzhaften Unerbittlichkeit" des Kandidaten werden zu können.
Der Wahlkampf 2002 euphorisiert die Wähler nicht. Die Auseinandersetzung mit den Parteien und Kandidaten verläuft eher distanziert und verhalten. Die Wähler begeistern und ereifern sich kaum.
1. Gedrückte Stimmung in beiden Lagern: Wahlkampf ohne Visionen und begeisternde Ziele
Eine tiefenpsychologische Studie von rheingold zu aktuellen Situation wenige Tage vor der Bundestagswahl ergab: Die Stimmung - quer durch die Lager - ist geprägt von Lethargie, Verdrossenheit, Fatalismus oder allenfalls der leisen Hoffnung auf bessere Zeiten. Die wirtschaftlichen Zustände werden beklagt, die Inhaltsleere des Wahlkampfs, die Selbstdarstellung der Politiker und das Fehlen wirklicher Alternativen wird angeprangert. Die Wähler entwickeln in ihrer Klage-Haltung allerdings keinerlei Visionen oder Zukunftsentwürfe.
Projektleiter Stephan Grünewald: "Während 1998 von den Parteien noch begeisternde Botschaften und Sinnstiftungen für den Übergang ins neue Jahrtausend erwartet wurden, dominieren aktuell bei allen Wählern die Wünsche nach Risikominimierung und Besitzstandswahrung. Für viele Wähler haben die Ereignisse um den 11. September eine noch immer schwelende Zukunftsangst geschürt, der alle großen Zukunftsutopien zum Opfer fallen. Im Focus der Wähler steht der Erhalt der eigenen finanziellen Spielräume und des privaten Lebensglücks."
Die Wähler erwarten zwar, dass sich die wirtschaftliche Lage bessern soll. Die damit verbundene Notwendigkeit nach Änderungen und Reformen soll auf keinen Fall mit der Aufgabe der eigenen Behaglichkeit verbunden sein.
2. Das Grunddilemma: Die Begrenzungen des "Prinzips Hoffung"
Diese übergreifende Grundstimmung ist jedoch bei den Wählern der Regierungsparteien anders ausgeprägt als bei den Wählern von CDU und FDP:
Das Dilemma der Koalitions-Wähler: Politisch desillusioniert, aber Schröder als 'Prinzip Hoffnung' oder 'kleineres Übel'
Bei den Wählern, die bei der letzten Wahl die Regierungsparteien SPD oder FDP gewählt haben, ist die Aufbruchstimmung beim Kanzlerwechsel völlig verflogen. Sie wirken enttäuscht, rat- und mutlos und sind stärker noch als die CDU- und FDP-Wähler von einem ideenlosen Fatalismus geprägt: "Die Lage ist aussichtslos, alles ist so komplex. Ich fühle mich richtig ohnmächtig und habe das Gefühl, dass die Politiker auch ohnmächtig sind."
Angesichts von Arbeitslosigkeit und internationalen Krisen haben die Wähler das Gefühl, dass radikale Reformen und eine wirkliche Politik-Wende unumgänglich sind. Aus Furcht, dass diese aber zu einschneidenden Maßnahmen und zum Verlust persönlicher Freiheiten führen könnten, entwickeln sie eine politische Denk-Hemmung, die durch die Demonstration einer political correctness kaschiert wird.
Einen Ausweg aus ihrem Reform-Dilemma finden die Wähler, indem sie halbherzig weiter auf Schröder und die Koalition setzten und die "Sache einfach weiterlaufen lassen": "Ein bisschen hat die Regierung ja schließlich doch verändert" und "Schröder ist ja auch nur das kleinere Übel". "Außerdem hat er ja noch eine zweite Chance verdient."
Das Dilemma der CDU- und FDP-Wähler: Hoffnung auf eine Wiedererstarkung Deutschlands, aber keine Begeisterung und Beseelung durch Stoiber
Die CDU- und FDP-Wähler sind in ihrer Grundstimmung etwas optimistischer als die Wähler der Koalitions-Parteien. Mit dem erhofften Regierungswechsel verknüpfen sie ein klares Bild von einem wiedererstarkten Deutschland. In Zeichen der Krise soll durch eine "Konzentration auf deutsche Belange" und die Entwicklung eines "nationalen Egoismus" Deutschland wieder führend in Europa werden: "Man soll sich wieder mehr auf die deutsche Wirtschaft konzentrieren. Man darf auch mal ich-bezogen denken und die Subventionen nach Afrika oder Afghanistan einstellen." Der unüberschaubaren Komplexität der Welt stellen sie ein klares und richtungsgebendes Bild von Deutschland gegenüber. Dieses klare Bild orientiert sich dabei eher an den "goldenen 80er Jahren", als Deutschland noch eine Wirtschaftsmacht war, es noch klarere Grenzziehungen zwischen Ost und West und Nord und Süd gab und die sozialen Rollen noch klarer definiert waren: "Wir hatten noch nie so ein Chaos wie jetzt. Mit der CDU erhoffe ich mir wieder eine klare Linie, mehr Charakter und Berechenbarkeit."
Gedämpft wird der Optimismus der Oppositions-Wähler allerdings durch das Fehlen einer charismatischen Persönlichkeit, die diese klare Richtung verkörpert und vorlebt, die begeistert und mitreißt. Stoiber wird zwar vordergründig als "außerordentlich kompetent" gelobt, aber hintergründig haben vor allem die CDU-Wähler die Sehnsucht nach authentischen Figuren und "Mannsbildern" wie Kohl oder Strauß. Das Dilemma, zwar eine Richtung, aber keinen charismatischen Wegweiser zu haben, lösen die Oppositions-Wähler auf, indem sie den "fleißigen und korrekten" Stoiber als das kleinere Übel gegenüber dem "wankelmütigen und wenig charakterfesten Lebemann" Schröder stilisieren.
3. Persönlichkeiten der Spitzenpolitiker als wichtigstes Kriterium bei der Wahlentscheidung
Die Wähler erleben die Parteien mittlerweile als weitgehend austauschbar. Die klaren Standpunkte der Parteien haben sich aufgelöst: "Früher war klar, dass die SPD für die Arbeiter war, aber jetzt gilt Schröder als ‚Genosse der Bosse' und Stoiber prangert die Steuerbefreiung von Großunternehmen an."
Im Zuge dieses Entscheidungs-Dilemmas orientieren sich die Wähler viel stärker an der Persönlichkeit des Kandidaten als sie sich selber eingestehen.
Wichtigstes Kriterium für die Wähler ist nicht nur die Frage, wer es besser kann, sondern bei wem sie sich persönlich eher aufgehoben fühlen. Persönliche Übertragungen, ein Psycho-Geflecht von zum Teil unbewussten Sympathien, Vorlieben und Abneigungen bestimmt die Wahl entscheidend mit.
Dieses erstaunt um so mehr, da die Politiker-Schelte, das offene
Ressentiment und Misstrauen gegenüber den "korrupten, egoistischen
und selbstdarstellerischen" Politikern fast gebetsmühlenartig von
fast allen aufgeklärten Wählern betrieben wird. Die demonstrative
Abgrenzung von den Politikern im Allgemeinen macht psychologisch
Sinn: Es sichert ein vernünftiges Selbstbild ab, dass man sich
"eigentlich nicht von der Persönlichkeit beeinflussen lässt".
Schröder im Psycho-Profil der Wähler: Der durch die Flut geläuterte Lebemann
Schröder wird von den Wählern entweder als staatsmännischer oder medienwirksamer Lebemann erlebt. Er beeindruckt einerseits durch seine mitunter "machohafte" Selbstsicherheit und seine schier unerschütterliche Souveränität. Andererseits wirkt er aber sehr unabgehoben, lebensnah und sinnenfreudig: "Schröder, das sind Frauen, Nikotin und Alkohol." Mit seiner Affinität zu Lebensgenuss, seiner kaum verstellten Eitelkeit, sowie seiner einnehmenden Fröhlichkeit repräsentiert er ein sehr menschliches Maß, das im Politiker auch immer den Mensch oder gar Kumpel erkennen lässt.
Seine spontane und ungezwungene Alltagsnähe, sein Lebens-Wandel geht einher mit einem Mangel an Ernsthaftigkeit und Entschiedenheit. Vor allem CDU-Wähler mokieren sich über seine als "charakterlos" erlebte Unbeständigkeit und Wankelmütigkeit.
Stephan Grünewald: "Durch die Flut-Katastrophe hat sich das Bild von Schröder jedoch vor allem für die SPD-Wähler gewandelt: Man traut Schröder zu, dass er aus der Not heraus zu entschiedenen Taten fähig ist und hofft, dass er diese "entschiedene Tatkraft mit Augenmaß" auch in Zukunft beibehält.
Durch die Flut sind auch die menschliche Kompetenz Schröders, seine Fähigkeit zu Mitleid und Anteilnahme und seine umkümmernden Solidar-Qualitäten wieder stärker in den Blick gerückt.
Stoiber im Psycho-Profil der Wähler: Der kompetente, aber asketische Oberlehrer
Dem Politiker Stoiber wird mit großem Respekt begegnet, der aber immer mit einer spürbaren Distanz zum Menschen Stoiber verbunden ist. Als seine dominierenden Tugenden erscheinen seine unangefochtene Kompetenz, sein beeindruckendes Fachwissen, sein Fleiß und seine Ehrlichkeit. Er wirkt auf die Wähler beider Lager wie ein "gestrenger Oberlehrer, bei dem man zwar viel lernt", der aber nicht wirklich gemocht wird. Sein fachlichen Fähigkeiten gründen sich auf seiner Gewissenhaftigkeit und einer eher asketisch-protestantischen Grundhaltung. Auch die CDU-Wähler vermissen bei Stoiber die Unbeschwertheit und Lebenslust.
Stephan Grünewald: "Unterschwellig fürchtet man von einem Kanzler Stoiber, dass er dem Wähler all das abverlangt, was er sich selber auferlegt: Ein Leben mit spürbaren Einschränkungen im Dienste der Pflicht und des Aufschwungs."
Während bei Schröder ein Zuviel an Beweglichkeit beklagt wird, erlebt man bei Stoiber eher eine Tendenz zur Unbeweglichkeit und Starre: "Wenn Schröder die Wahl verliert, kann er sofort auch in einem ganz anderen Berufsfeld glücklich werden, Stoiber ist zur Politik verdammt."
Die Konsequenz und Aggressivität von Stoiber, die er vor allem im Fernseh-Duell demonstriert hat, wird von den CDU-Wählern begrüßt, solange sie sich gegen den politischen Gegner richtet. Insgeheim fürchten aber die Wähler, dass sie selber von einer Regierung Stoiber drangsaliert werden könnten: "Mit Schröder geht es zwar nicht so schnell aufwärts, das Leben bleibt aber mit ihm angenehmer."
Insgesamt beurteilen die Wähler Stoiber zwar als "verlässlich", "prinzipienfest" und "superkorrekt", aber sie vermissen bei ihm die eher fließenden Qualitäten des Sorgens und Umkümmerns. Die bei Schröder stärker wahrnehmbare Herzlichkeit und persönliche Anteilnahme führt verbunden mit der Befürchtung, dass mit Stoiber "vorübergehend einschneidendere Maßnahmen" verbunden sind dazu, dass viele noch unentschlossene Wähler letztendlich eher zu Schröder tendieren werden.
4. Die Wahlwerbung verpufft oft wirkungslos
Die Wahl-Werbung wird ungestützt von den meisten Wählern kaum erinnert oder offen angesprochen. Viele Wahlplakate bedienen nicht die Stimmungslage der Wähler und führen sie nicht aus ihrem aktuellen Entscheidungs-Dilemma.
Vordergründig wird zwar die Inhaltsleere der meisten Plakate beklagt, bei intensiverer Befragung wird aber deutlich, dass die Wähler von den Plakaten weder Text noch hintergründigen Kontext erwarten. Wahl-Plakate sollen die Gestalt des Kandidaten in einem profilierten und anziehenden Bild bündeln, da die Wahl-Entscheidung sich wesentlich an der Person des Kandidaten und seiner versinnbildlichten Eigenschaften orientiert.
Positiv aufgefallen ist das CDU-Plakat, auf dem sich Stoiber und Angela Merkel anlächeln. Die Botschaft vom Aufschwung wird durch eine optimistische Bild-Sprache unterstrichen. Der Augen-Blick Stoibers bricht seine ansonsten eher kühle und starre Unnahbarkeit wohltuend auf. Das Plakat verspricht eine produktive Synthese von Kompetenz und Herz, von Jung und Alt.
Extrem negativ wirkt hingegen das Plakat ‚Kantig. Echt. Erfolgreich'. Im Zentrum des Plakats sieht man ein Foto von Stoibers akribisch zählenden Händen, die auch von CDU-Wählern als "abschreckend blass, krank und verkrampft" erlebt werden: "Das sieht so ungesund und gestresst aus. Der ist ja jetzt schon fertig." Statt der hilfreichen und umsorgenden Hand, die gereicht wird, zeigt Stoiber dem Wähler hier die harte und unerbittliche Hand.
Bei den SPD-Plakaten erkennen die Wähler, dass Schröder hier eher in einem staatsmännisch ernsten und aktiven Kontext gezeigt wird. Sie konterkarieren teilweise wirkungsvoll das Lebemann-Image von Schröder und rücken seine fürsorglichen Qualitäten in den Blick.
Eher bedrückend wirkt allerdings das Plakat, auf dem Schröder nachts am Schreibtisch sitzt. Die düstere Stimmung wirkt eher hoffnungslos: "Sieht so aus, als wäre er jetzt resigniert, weil er die Probleme nicht lösen kann." "Schröder schreibt wohl gerade seinen Abschiedsbrief."
Das FDP-Plakat mit dem frontal abgebildeten freundlich argumentierenden Guido Westerwelle wird zwar formal als vorbildlich gelobt, weil es ohne viel Beiwerk den Kandidaten in der Totalen ablichtet. Der Slogan ‚Die Zeit ist reif' führt die Wähler aber in ihre ambivalente Haltung zum einerseits "frisch, mutig und dynamischen", andererseits aber auch "anbiedernden und aalglatten" Westerwelle: Die Frage des Betrachters bleibt: "Ist die Zeit wirklich schon reif und ist Westerwelle schon reif?"
Die Plakate der Grünen werden von vielen Wählern ohne längere Beschäftigung gar nicht als Wahl-Werbung erkannt. Sie entfalten ihren Charme erst bei dem eher intellektuellen Betrachter, der sich intensiv mit den Plakaten auseinandersetzt und den dezenten Humor goutiert. Die Wähler wünschen sich lieber eine Abbildung von Joschka Fischer, der quer durch alle Parteien für die Wähler zu einer Art "Stern am Politiker-Himmel avanciert ist" "und zum männlichen Pendant von Lady Di." Fischer wirkt authentisch, weil er sich auch zu seinen unperfekten Seiten bekennt. Er hat Vorbild-Charakter, weil sein brüchiger Lebenslauf zeigt, dass er nicht nur als Politiker diszipliniert, geradlinig und diplomatisch ist.
Grundlagen der Studie
Die Studie "Wähler im Dilemma" ist eine Eigenstudie von rheingold und wurde ohne Auftraggeber durchgeführt.
Insgesamt 40 Wähler wurden von erfahrenen Diplompsychologen jeweils zwei Stunden intensiv befragt: 20 Wähler hatten bei der letzten Wahl die Regierungsparteien gewählt (70 % SPD; 30 % Grüne), 20 Wähler hatten bei der letzten Wahl CDU (70 %) bzw. FDP (30 %) gewählt. Die demografische Schichtung der Probanden entsprach dem Durchschnitt der Wähler.
Für das Forschungsvorhaben eigneten sich Tiefeninterviews besonders gut, da sie die tieferen und zum Teil unbewussten Zusammenhänge aufdecken konnten. Ziel war nicht statistische Repräsentativität, vielmehr sollte sichergestellt werden, sämtliche psychologisch relevanten Aspekte des Untersuchungsthemas abzubilden.
Projektleitung: Dipl.-Psychologe Stephan Grünewald
ots Originaltext: rheingold
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Thomas Strätling
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