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Die Deutschen und die Euro-Einführung: Kurz und (möglichst) schmerzlos
Die psychologischen Grundlagen des Euro-Aktivismus

Köln (ots) - Vor allem die massive Medienpräsenz der Euro-Berichterstattung am Jahresende und die Ausgabe der "Starterkits" führten schlagartig von einer hartnäckigen Ausblendung der bevorstehenden Währungsumstellung in hektische Aktivität: Durch den schnellen und radikalen Wechsel von der Mark zum Euro versuchen die Deutschen, die psychologisch tief verwurzelte Trauer über den Verlust der Mark zu verdrängen und langwierige Verunsicherungen durch beherztes eigenes Handeln zu vermeiden. Im gegenwärtigen Euro-Aktivismus verbinden sich sowohl die "Unfähigkeit zu trauern" (Mitscherlich) als auch die Aufwertung urdeutscher Tugenden und Hoffungen auf neue, ideelle Lebenswerte. Durch fünf verschiedene Umgangsformen wird gegenwärtig versucht, neue Verheißungen des Euro einzulösen und gleichzeitig den Trennungsschmerz zu lindern: Der "Europhoriker" blendet den Trennungsschmerz zugunsten eines naiven Euro-Optimismus aus, der "Eurologe" wappnet sich mit Experten-Wissen gegen den Schmerz des DM-Verlustes, der "Vorsichtige" versucht, durch die Übererfüllung von Vorschriften Halt und Sicherheit zu finden und der "Gleich-Gültige" ist bestrebt, durch den schnellen Umtausch so zu tun, als habe es die irritierende Währungsumstellung nicht gegeben. Einzig der "Euro-Blockierer" führt einen trotzigen und zum Scheitern verurteilten Guerilla-Krieg gegen den Euro. Zwei weitere psychologische Umgangsformen im Umgang mit der neuen Währung sind darüber hinaus für alle Deutschen von Bedeutung: Der "Magie der halben Preise" wird mit einem generellen Teuerungs-Argwohn begegnet und mit einem "privaten Euro-Benchmarking" versuchen die Verbraucher, nicht nur in der neuen Währung zu zahlen, sondern auch zu denken. Fazit: Äußerlich wird die Währungsumstellung in sehr kurzer Zeit erfolgreich vollzogen sein, doch die latente Identitäts-Krise durch das Verschwinden der Mark wird weiter schwelen. 1. Die psychologische Grundlage des Euro-Aktivismus: Die doppelte Bedeutung der Mark Schon drei Wochen nach seiner Einführung hat der Euro die DM als Zahlungsmittel weitgehend verdrängt. Die radikale Annahme der neuen Währung durch die Deutschen überrascht, da ihr unwiderrufliches Erscheinen noch wenige Wochen vor dem Umstellungstermin von den Bürgern weitgehend ausgeblendet wurde. Erst die massive Medienpräsenz des Euro-Themas am Jahresende rückte die Unumstößlichkeit des DM-Endes in den Blick und vor allem die Starterkits machten den Euro als Nachfolge-Währung ‚begreifbar'. Die spät einsetzende Auseinandersetzung mit der neuen Währung war jedoch nicht in einer Ablehnung des Euro begründet, sondern in dem drohenden Verlust der Mark als Ersatz-Symbol nationaler Identität: Die untergegangene Währung war nicht nur offizielles Zahlungsmittel, sondern auch ein seelisches Verbindungsmittel zwischen den Deutschen. In der Nachkriegsgeschichte avancierte sie zu einem Ersatz-Symbol für nationale Einheitsstiftung und geschichtliche Identität. Im Gegensatz zu anderen nationalen Symbolen war die D-Mark historisch unbelastet und erzeugte ein nationales und generationsübergreifendes ‚Wir-Gefühl', da sie wie ein unsichtbares Band zwischen den Deutschen zirkulierte. Nicht zuletzt einte die D-Mark als gemeinsame Währung auch Ost und West. 2. Der Euro-Aktivismus und die Unfähigkeit zu trauern "In der Warteschlange vor dem Bankschalter war das schon so eine Art Schicksalsgemeinschaft. Man guckte still vor sich hin, verabschiedete sich von der DM und dann begann die neue Euro-Zeit." Mit dem Wegfall der DM haben die Deutschen ein Stück nationaler Heimat und geschichtlicher Identität verloren. Im Umgang mit diesem Verlust zeigt sich - psychologisch betrachtet - die seit Mischerlichs Nachkriegsanalyse sprichwörtliche kulturelle ‚Unfähigkeit zu trauern'. Die hartnäckige Ausblendung des Euro schlug deshalb zum Jahreswechsel plötzlich in einen hektischen Euro-Aktivismus um. Der Abschied von der Mark und die damit verbundene Trauerarbeit wurde statt auf zwei Monate auf zwei Wochen komprimiert: Angesichts der Unausweichlichkeit der Trennung bekämpften die Deutschen ihre Verlustangst durch eigene Aktivität. Durch dieses Verhalten vollziehen sie aktiv, was ihnen mehrere Wochen später schmerzhaft, passiv und ohnmächtig widerfahren würde. 3. Der Euro-Aktivismus und der Stolz auf deutsche Tugenden "Die Franzosen mussten erst mal wieder streiken und die Italiener haben bei der Umstellung sogar eine ganze Insel vergessen. Das könnte uns nicht passieren." Durch ihren Euro-Aktivismus bekämpfen die Deutschen jedoch nicht nur den Trennungsschmerz. Vor allem durch die Ereignisse des 11. Septembers sind im Alltag der Menschen lähmende, kollektive Ohnmachtsgefühle deutlich verstärkt worden. Durch entschlossenes, aktives und zielgerichtetes Handeln kann sich jeder Bürger auf dem alltäglichen Feld des Zahlungsverkehrs jetzt beweisen, dass er sich umstellen kann, flexibel und zukunftsfähig ist und dass "Widerfahrnisse" durch weitreichende Ereignisse nicht unbedingt in eigener, hilfloser Passivität münden müssen. Paradoxerweise konnte in diesem Zusammenhang der Euro-Aktivismus auch das durch den Wegfall der DM torpedierte Wir-Gefühl kurzfristig stabilisieren: Nicht ohne Stolz beobachten viele Deutsche angesichts der Euro-Einführung die Wiederkehr urdeutscher Tugenden wie Disziplin, Pünktlichkeit und Professionalität, die Deutschland im europäischen Umstellungs-Vergleich in die Spitzengruppe hievte. 4. Der Euro-Aktivismus und neue Verheißungen "Vielleicht werden die Deutschen etwas lockerer und sitzen auch mal nachmittags in einem Café und trinken Espresso." Vor allem durch die Ausgabe der Starterkits und den "frischen Glanz" der neuen Euro-Münzen rücken aber auch überraschende, neue Verheißungen in das Blickfeld der Deutschen: Neben rational begründeten, finanziellen Vorteilen der neuen Währung wie die Vereinfachung von Zahlungsvorgängen und dem grenzenlosen Einsatzbereich des eigenen Geldes entstehen Hoffnungen auf den Beginn einer "europäischen Identität" durch neue, ideelle Lebenswerte. Mit der Gültigkeit "ausländischer Euro" in Deutschland ist die Hoffnung verbunden, dass mit dem Geld auch attraktive, un-deutsche Eigenschaften wie Leidenschaft, Gelassenheit, Sinnlichkeit und Fröhlichkeit verstärkt Eingang in die Alltagskultur finden. 5. Die fünf typischen Umgangsformen des Euro-Aktivismus Aktuell lassen sich fünf typische Umgangsformen mit dem Euro beobachten, durch die sowohl die neuen Euro-Verheißungen eingelöst als auch der Trennungsschmerz von der DM gelindert werden sollen. a. Der Europhoriker "Zuerst wollte ich am liebsten meine alte DM behalten, aber als ich die Starterkits in Händen hatte, war ich richtig begeistert. Die Starterkits waren wie kleine Schatzkästchen. Sie funkelten und glitzerten so." Der Europhoriker blendet den Trennungsschmerz von der DM zugunsten eines naiven Optimismus in die neue Währung und die neue Zeit aus: Dem Euro wird mit einer kindlich anmutenden Begeisterung und einer demonstrativen Sorglosigkeit begegnet. In den ersten Januartagen stürzte sich dieser Typus voller Elan auf die neue Währung und tauschte seine restlichen DM vollständig um. Die Einführung des Euro wird auch als Symbol für einen verheißungsvollen Neustart im eigenen Leben gesehen. b. Der Eurologe "Ich habe in den letzten Wochen alles zum Euro gelesen und meinen ganzen Bekanntenkreis beraten. " Der Eurologe wappnet sich gegen den mit der Währungsumstellung verbundenen Schmerz und Unsicherheiten, indem er sich intensiv kundig macht. Als selbsternannter Euro-Experte strebt er einen souveränen und sicheren Umgang mit dem neuen Geld an. Ihm war es vor allem in der Außenwirkung wichtig, die Umstellung auf den Euro direkt in den ersten drei Tagen komplett zu vollziehen. c. Der Vorsichtige "Ich habe mir vor Silvester noch ein paar Vorräte angelegt und dann ganz schnell meine D-Mark umgetauscht, damit ich keine Probleme bekomme." Der Vorsichtige verbindet den Euro eher mit Unsicherheiten als mit Verheißungen. Heimlich wird die neue Währung sogar häufig abgelehnt. Doch die Unumstößlichkeit der Euro-Einführung wird akzeptiert und man arrangiert sich mit den Gegebenheiten. Durch die Übererfüllung von Vorschriften wird versucht, neue Sicherheit und Vertrauen zu gewinnen. Die Mark wurde von diesem Typus schnell in Euro getauscht, da er sich durch zwei Währungen finanziell und emotional überfordert fühlt. Trotz langer Warteschlangen wurden Banken als Umtauschstellen bevorzugt, da diese "öffentlichen Institutionen" ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. d. Der Gleich-Gültige " Durch den Euro hat sich für mich nichts geändert. Das Geld wurde umgetauscht und das wars." Durch eine demonstrative Banalisierung der Währungsumstellung versucht der Gleich-Gültige, eigene Verunsicherungen durch den Verlust der Mark zu bannen. Er tut so, als hätte die Währungsumstellung emotional nicht stattgefunden und betont den sicheren und souveränen Umgang mit allen Anforderungen des Alltags. Durch den schnellen Umtausch des Geldes hat er sichergestellt, dass er nicht in irritierende Auseinandersetzungen mit den psychologischen Folgen der Währungsumstellung gerät. e. Der Euro-Blockierer "Ich war neulich beim Bäcker, habe Brötchen gekauft und einen 10-Mark-Schein auf die Theke gelegt. Die wollten keine D-Mark mehr annehmen. Da habe ich gesagt: Das war das letzte Mal, dass ich hier eingekauft habe ! " Der Euro-Blockierer verwandelt seine Unsicherheit und seinen Trennungsschmerz in Wut und Ärger über den Euro. Er opponiert gegen die staatliche verordnete Währungsumstellung und führt einen kleinen privaten DM-Guerilla-Krieg: Er verweigert und boykottiert den Euro als Zahlungsmittel. Wo immer er kann, führt er DM mit sich und pocht auf sein Recht, noch in der alten Währung zahlen zu können. Eine eigene Identität bezieht der Euro-Blockierer, indem er sich empört von der "pflichtversessenen Blockwart-Mentalität der meisten Deutschen" abgrenzt, die direkt in der ersten Woche auf die neue Währung umgeschwungen sind. 6. Wie lernen die Deutschen den Umgang mit dem Euro im Alltag ? Bei der Verwendung des neuen Geldes bestimmen gegenwärtig zwei Strategien das Erlernen des Umgangs mit dem Euro im Alltag: Durch "Teuerungs-Argwohn" und "Euro-Benchmarking" versuchen die Deutschen, schnell ein Gefühl für die neue Währung zu bekommen. a. Teuerungs-Argwohn und die Magie der halben Preise "Spontan denke ich, das sieht ja total billig aus, aber dann sage ich mir ‚pass lieber auf, es ist bestimmt alles teurer'." Die Verbraucher haben einen regelrechten Teuerungs-Argwohn ausgebildet: Sie glauben, dass seit der Einführung des Euro fast alle Produkte oder Dienstleistungen teurer geworden sind. Die subjektiven Teuerungsvermutungen fallen jedoch wesentlich höher aus als sie in der Regel tatsächlich sind. Der Teuerungs-Argwohn ist in der ‚Magie der halben Preise' begründet, denn unterschwellig orientieren sich die Verbraucher beim Kauf an der Ästhetik der Zahl. Beim ersten Blick aufs Preisschild erscheint alles verheißungsvoll preiswert und lockt zum spontanen Kauf: "Der Sprit kostet auf einmal nur noch 0,94 und die Pizza beim Italiener nur noch 4,70. Im ersten Moment denkt man toll, doch dann fällt mir ein, dass das ja keine Pfennige sondern Cent sind." Der Teuerungsargwohn ist eine unbewusste Bremsreaktion der Verbraucher auf die Magie der scheinbar halben Preise. Als seelische Notbremse gegenüber den augenscheinlich kleinen Preisen stabilisiert er letztendlich das Kaufverhalten. Psychologisch betrachtet sind das natürliche Umstellungsschwierigkeiten, die in etwa drei Monaten überwunden sein werden. b. Das Euro-Benchmarking "Ich orientiere mich jetzt daran, was der Sprit kostet, was die Brötchen, die Tageszeitung und das Bier kosten. Da hat man schon mal ein grobes Preisraster und kriegt ein Gefühl für die neue Währung." Zur Zeit zahlen zwar fast alle Verbraucher in Euro, denken aber noch in Mark und Pfennig. Sie rechnen jedoch nicht jeden Preis von Mark in Euro um, sondern installieren sich bei den wichtigen Produkten ein Euro-Benchmarking. Haben sie die Benchmarks für die gängigsten Alltags-Produkte verinnerlicht, bildet sich ein mentales Euro-Preisgefüge, das dann zum neuen Maßstab für persönliche Preiseinschätzungen wird. So können die Verbraucher schnell auf komplizierte und anstrengende Umrechnungen verzichten. 7. Prognose "Ich finde den Euro eigentlich ganz schön. Aber mit der D-Mark haben wir schon irgendwie ein Stück Heimat verloren." Die finanzielle Währungsumstellung wird in einigen Monaten weitestgehend beendet sein. Die Verbraucher werden dann nicht nur in Euro zahlen, sondern auch in Euro denken. Der Teuerungsargwohn wird zugunsten einer fundierten eigenen Preiseinschätzung nachlassen. Die ideelle Währungsumstellung wird allerdings erst in einigen Jahren vollzogen sein. Hinter dem schnellen und professionellen Euro-Aktivismus schwelt durch den Untergang der Mark eine latente Identitätskrise und eine Suche nach neuen Symbolen, die bei der Definition helfen können, "was deutsch ist, was uns verbindet und von anderen Nationen abgrenzt." Die offenen Fragen bleiben: Werden die Deutschen auch in Euro fühlen? Werden sie eine europäische Identität annehmen? Welche neuen Lebenswerte werden sich mit der begonnen Euro-Zeit entwickeln? Fakten zur Studie Die Studie "Die Deutschen und die Euro-Einführung" entstand auf der Grundlage einer Auswertung von psychologischen Studien, die im zeitlich unmittelbaren Umfeld der Währungsumstellung von rheingold realisiert wurden und 20 zusätzlichen psychologischen Tiefeninterviews von jeweils zweistündiger Dauer, die von Psychologen durchgeführt worden sind. Für das Forschungsvorhaben eigneten sich Tiefeninterviews besonders gut, da sie die tieferen und zum Teil unbewussten Zusammenhänge aufdecken konnten. Ziel war nicht statistische Repräsentativität, vielmehr sollte sichergestellt werden, sämtliche psychologisch relevanten Aspekte des Untersuchungsthemas abzubilden. Projektleitung: Diplom-Psychologin Simone Severin Diplom-Psychologe Michael Schütz Mit freundlichen Grüßen Thomas Strätling ots Originaltext: rheingold Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de Thomas Strätling Pressesprecher / Leiter Unternehmenskommunikation straetling@rheingold-online.de rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen Kaiser-Wilhelm-Ring 46 D-50672 Köln Tel.: ++49/(0)221/912 777-44 Fax: ++49/(0)221/912 777-43 Mobil: ++49/(0)172/3918613 http://www.rheingold-online.de Original-Content von: rheingold salon, übermittelt durch news aktuell

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