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Die Beschwörung der Normalität
Nach zwei Monaten: Der Anschlag von New York und die Folgen für die Seelenlage der Deutschen

    Köln (ots) - Zwei Monate nach dem Anschlag vom 11. September befinden sich die Deutschen in einem schwelenden Zustand der Unsicherheit, der jedoch nicht zu gravierenden Verhaltensänderungen führt. Der Schock dauert an und die seelischen Erschütterungen werden nach dem Muster einer Spaltung verarbeitet: Um jeden Preis wird vordergründig versucht, die bisherige Lebenskonstruktion aufrecht zu erhalten. Die persönliche Bedrohung wird ausgeblendet und die Menschen klammern sich an ihre Arbeits- und Freizeitroutinen.          Untergründig breiten sich jedoch Ängste aus, dass die Ungeheuerlichkeiten von New York doch auf den eigenen Alltag übergreifen können. Versuche, die Bedrohung personalisieren und bannen zu können, scheitern: Bin Laden taugt nur unzureichend als Feindbild, denn durch sein Charisma changiert er in der Wahrnehmung der Deutschen zwischen irregeleitetem Heiligen und Wahnsinnigen.

    Aktuell sind sechs Tendenzen als Auswirkungen des 11. Septembers zu beobachten: Die Unfähigkeit, die Bedrohung zu fassen, führt zu einer latenten Stimmung der Hysterie und Ressentiments gegenüber Fremden. Halt und Schutz wird verstärkt in der Intensivierung privater Beziehungen gesucht und die Menschen erwarten eine Wirtschaftskrise als self fullfilling prophecy. Die Anlehnungsbereitschaft an die USA nimmt stetig ab, da der Krieg im zerstörten Afghanistan zunehmend als sinnloses und absurdes Unterfangen, und nicht als ideeller Befreiungsschlag erlebt wird.          Wie haben die Deutschen den 11. September seelisch verarbeitet? Welche Auswirkungen hat der Terroranschlag auf die Gefühlslage, die Lebensgestaltung und das Konsumverhalten der Deutschen? Wird wirklich nichts mehr so sein, wie es einmal war oder geht alles weiter wie bisher? Acht Psychologen und Psychologinnen des rheingold-Instituts, die seit dem 11. September im Rahmen von Marktstudien mehr als 100 Verbraucher tiefenpsychologisch exploriert haben, haben ihre Erfahrungen und Erlebnisse zur Seelenlage der Bevölkerung analysiert und zusammengefasst.          Vordergründig: business as usual          Die seelischen Erschütterungen, die der 11. September ausgelöst hat, werden nach dem Muster einer Spaltung bearbeitet: Vordergründig wird von den Deutschen die Normalität beschworen. Gravierende Auswirkungen des 11. Septembers auf den eigenen Alltag und das persönliche Konsumverhalten werden in der Regel nicht beschrieben. Die Verhaltensbeobachtung in den psychologischen Tiefeninterviews zeigt allenfalls, dass die Verbraucher ein wenig zurückgezogener und gebremster wirken. Die Menschen klammern sich an die gewohnten Arbeits- und Freizeitroutinen und betreiben business as usual: Der 11. September wird wie ein geschichtliches Datum behandelt und die Bedrohung wird weitgehend ausgeblendet.          Im Hintergrund: diffuse Ängste          Hinter der Fassade der scheinbaren Normalität wird jedoch schnell spürbar, dass sich die Bevölkerung noch immer in einem Schockzustand befindet, der bislang nicht verarbeitet werden konnte: Die Anschläge wurden als eine plötzlich hereinbrechende Konfrontation mit den Ungeheuerlichkeiten der menschlichen Natur erlebt, die gemeinhin in die fiktionalen Reservate von Filmen oder Albträumen abgeschoben werden. Mit den beiden Türmen des World Trade Centers brachen sinnbildlich auch die Grundpfeiler einer Lebenskonstruktion ein, in der Besitzstandswahrung, Risikominimierung und Vollkasko-Versorgung einen unverzichtbaren Stellenwert haben. Schlagartig stürzte am 11. September die sichere Fassung des Alltagsleben ein und es wurden alle Risiken und Unberechenbarkeiten des Lebens freigesetzt. Als Folge bereiten sich untergründig diffuse Ängste aus, dass die Ungeheuerlichkeiten von New York auf den eigenen Alltag übergreifen können. Ein schwelendes Unbehagen, eine dumpf gespannte und tendenziell pessimistische Erwartungshaltung schwingt bei den normalen Alltagsbegebenheiten immer mit.          Bewährte Bewältigungsstrategien scheitern          Alle Versuche, wieder eine sichere seelische Fassung durch Rationalisierung, Bannung und Eingrenzung zu gewinnen, scheitern. Vor allem die ursprünglich sehr dankbar von der Bevölkerung aufgegriffene Möglichkeit, die bedrohliche Ungeheuerlichkeit des 11. September in einem klaren Feindbild zu fassen, funktioniert allenfalls unzureichend: Den Versuchen, Bin Laden als Fürst des Schreckens darzustellen, steht das Charisma des Saudis entgegen: "Seine lieben und sanften Augen", "sein irgendwie an Jesus erinnerndes Aussehen", sein asketisches Leben, die Verehrung, die ihn von seinen Anhängern zuteil wird und die Mythen und Legenden, die ihn umranken, machen ihn allenfalls zur Kippfigur, die zwischen irregeleitetem Heiligem und Verblendetem changiert. Die Taliban eignen sich durch ihr wildes Aussehen und durch die berichteten Greueltaten zwar eher als Feindbild, sie werden jedoch nur als amorphe fremde und ferne Schreckensregierung erlebt. Sie gelten nur als Gewährsmänner des Terrorismus, als ein bedrohliches, aber lokales Phänomen, das nicht auf den Westen übergreifen wird.          Die konkreten seelischen Auswirkungen          Die rheingold-Psychologen beobachten aktuell sechs seelische Auswirkungen des 11. Septembers.          1. Latente Hysterie: ‚Das Unfassbare lauert überall'          Da die Bedrohung nicht gefasst oder eingegrenzt werden kann, lauert sie überall, zu jeder Zeit und in jeder erdenklichen Art und Weise. Der äußerlich so normale Alltag ist von einer diffusen Lebensangst unterlegt. Vor allem die aktuellen Milzbrandfälle dramatisieren den möglichen Übergriff der Bedrohung auf den eigenen Alltag. Gerade, weil sie so schleichend und scheinbar wahllos auftreten, verstärken sie das Gefühl, dass heimlich, still und leise der ganze Alltag zersetzt wird und eigentlich nichts mehr sicher ist. Kleinste Hinweise auf eine tatsächliche Bedrohung reichen in dieser seelischen Verfassung aus, dass sich das schwelende Unbehagen zur manifesten Hysterie entfacht.          2. Wuchernde Verdächtigungen und Ressentiments gegen das Fremde          Die diffuse Angst, dass die Bedrohung auf den eigenen Alltag übergreifen kann, wird durch Verdächtigungen und Ressentiments gegenüber allem Andersartigen einzugrenzen versucht. Selbst Deutsche, die sich bislang als mustergültig tolerant beschreiben, erleben plötzlich ein mulmiges Gefühl im Umgang mit Fremden. Dieses steigert sich bei Begegnungen mit Fremden, deren Erscheinungsbild "arabisch" wirkt. Bereits die Begegnung mit arabischen Studenten in der U-Bahn kann zu Panikattacken und dem fluchtartigen Verlassen der Bahn führen. Vor allem die von den Medien proklamierte "auffällige Unauffälligkeit" der sogenannten "Schläfer" führt dazu, dass der Argwohn sich beinahe wahllos ausbreiten und sich fast gegen jeden wenden kann, der fremd oder unsympathisch wirkt. Nach außen hin beteuern zwar weiterhin noch die meisten Menschen ihre Toleranz und ihre Bereitschaft, auf islamische Mitbürger zuzugehen, insgeheim bestimmen jedoch starke Vermeidungs- oder Distanzierungstendenzen das Verhalten.          3. Die Intensivierung vertrauter Bindungen          Im Gegenzug richten sich die Deutschen noch stärker als in den letzten Jahren in ihren vertrauten Lebenskreisen ein. Seit dem 11. September ist es wesentlich wichtiger geworden,  bestehende Beziehungen zu intensivieren oder alte Freundschaften wieder zu beleben. Vertrauen, eine ideelle oder private Heimat und ein neues Wir-Gefühl werden immer bedeutsamer. Die Wünsche nach einer übergreifenden Sinngebung und eines nationalen Heimatgefühls im Zeichen der Krise werden allerdings in Deutschland kaum erfüllt. Fast neidisch blicken die Menschen auf das nationale Wir-Gefühl, das sich in Amerika nach den Anschlägen entwickelt hat: "Man merkt auf einmal, wie stark man als Amerikaner ist."

    Dieses unbedingte Zusammenrücken einer Nation wird in Deutschland nicht erlebt. Politischen, sozialen und kirchlichen Institutionen gelingt es nicht, ein Sinn-Zentrum zu entwickeln, das gemeinsame Lebenswerte und Ziele definiert. Die aufgewühlten Sinnfragen werden daher eher im privaten Rahmen geklärt: Die eigenen Lebenswerte werden überdacht und die privaten Bündnispartner auf den Prüfstand gestellt: Man fragt sich, was für einen selber wichtig oder unwichtig ist und beginnt die eigene kleine Lebenswelt neu zu ordnen.

    Freundschaft, Partnerschaft und Familie markieren daher die heimischen Rückzugsräume, in denen sich die Menschen geborgen und halbwegs sicher fühlen können. Es besteht eine Scheu - geschäftlich oder privat -, allein zu verreisen: Für den Fall, das etwas passiert, sollen die Liebsten in der Nähe sein. So beobachten viele Deutsche an sich selbst, dass sie wieder mehr Zeit zu Hause mit der Familie oder mit Freunden verbringen. Konsumwünsche zielen dahin, die eigenen Rückzugsräume auszustaffieren: Die Wohnung wird verschönert, der Esstisch als Kommunikations-Zentrum des Hauses wird endlich angeschafft. Verwöhnartikel für den Haushalt stehen ebenso hoch im Kurs wie Kosmetik-Artikel oder Bücher, die einen ungestörten häuslichen Selbstgenuss versprechen.          4. Die Erwartung einer Wirtschaftskrise als self fullfilling prophecy          Durch die Ungeheuerlichkeit des Anschlags vom 11. September und die Folgeerscheinungen erwarten die Menschen in hohem Maße konkrete und krisenhafte Auswirkungen auf ihren Alltag. Doch diese sind für sie nur sehr schwer zu fassen und sie sollen zudem auch nicht unmittelbar den privaten Lebenskreis betreffen. Da die meisten Deutschen versuchen, ihren Alltag so normal wie möglich weiterzuleben, brauchen sie ein mittelbares Feld, in dem sich die erlebten Erschütterungen manifestieren lassen. Die erwarteten Auswirkungen des 11. Septembers werden daher an der Wirtschaft dingfest gemacht. Hier zeigt sich, dass wirklich etwas anders geworden und in die Krise geraten ist.

    Diese Verschiebung hat Rückwirkungen auf das eigene Verhalten der
Verbraucher: Große Investitionen oder Anschaffungen werden erst
einmal zurückgehalten. Es wird abgewartet, wie und ob sich die Lage
beruhigt. Das dadurch gebremste Investitions- und Konsumklima
verstärkt die ohnehin negativen volkswirtschaftlichen Tendenzen. Die
Erwartung hinsichtlich der negativen Auswirkungen des 11. Septembers
wird durch diesen Sachverhalt mittelbar bestätigt und führt in einen
Teufelskreis weiterer Brems- oder Abwart-Reaktionen, die die
wirtschaftliche Talfahrt beschleunigen können.
    
    5. Partial-Askese und symbolische Bußübungen
    
    Durch kleinere Einschränkungen und einen partiellen Konsumverzicht
versuchen sich die Bürger vor Augen zu führen, dass auch für sie die
Folgen des 11. Septembers mit persönlichen Opfern verbunden sind.
Diese Konsumeinschränkungen sind allerdings nur vorübergehender
Natur. Sie erfüllen drei psychologische Funktionen:
    
    * Der persönliche Konsumverzicht hat den Charakter einer
symbolischen Bußübung, mit der man eine eventuelle Mitschuld daran
sühnt, dass sich die Welt unvorteilhaft entwickelt hat.
    
    * Es schwingt dabei ein archaisches "magisches" Denken mit, dass
durch persönliche Opfergaben die Schicksalsgötter gnädig gestimmt
werden können.
    
    * Der Konsumverzicht hat auch demonstrativen Charakter: Es gilt -
ähnlich wie bei der BSE-Krise -, sich und anderen zu beweisen, dass
man in Krisenzeiten prinzipiell in der Lage ist,
Verhaltensänderungen einzuleiten um damit die eigene, umfassende
Alltagstauglichkeit unter Beweis zu stellen.
    
    6. Hoffnung auf erlösenden Gegenschlag und die Enttäuschung über
den Krieg in Afghanistan
    
    Ingesamt versuchen die Deutschen, ihre bisherige
Lebenskonstruktion aufrecht zu erhalten. Die großen Veränderungen
sollen nicht eintreten. Vor allem in den ersten Wochen nach dem
Anschlag  bestand die Hoffnung, dass mit einem gezielten Gegenschlag
die eigene Lähmung und die Bedrohung des eigenen Lebensstils aus der
Welt zu schaffen wäre: "Die sollen irgendetwas tun, damit alles
wieder so wird, wie vor dem 11. September." Der kollektive
Schulterschluss mit Amerika war vor allem durch den Wunsch bestimmt,
"der große Bruder wird mit aller Macht die Verhältnisse wieder
zurechtrücken".
    
    Vor diesem Hintergrund löst der Krieg in Afghanistan eine große
Enttäuschung aus. Er wirkt seltsam lebensfremd und irreal und bleibt
daher im Vergleich mit den Ereignissen des 11. Septembers zwar völlig
unspektakulär, aber ähnlich unfassbar. Es fehlen die Bilder, die
Erfolgsmeldungen und letztendlich auch der Sinn des ganzen
Unternehmens. "Man sieht nur Flüchtlingsbilder, aber nicht, was die
da ausrichten." Man bezweifelt, ob es wirklich gelingt, die Taliban
in die Knie zu zwingen oder Bin Laden zu fassen. Daher wirkt es
zunehmend absurder, ein bereits zerstörtes Land weiter zu zerbomben.
Die Kriegshandlungen haben nicht mehr den Charakter eines ideellen
Befreiungsschlages, sondern einer formalen "amerikanische Routine",
die eher Desinteresse oder Widerstand auslöst. Die ursprüngliche
Anlehnungsbereitschaft an Amerika nimmt daher stetig ab.
    
    Projektleitung: Stephan Grünewald
    
    Mit freundlichen Grüßen
    
    Thomas Strätling
    
ots Originaltext: rheingold Institut für qualitative Markt- und
Medienanalysen
Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de


Rückfragen:

Thomas Strätling
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