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Tollhaus und Tabernakel der "ICH- Kultur": Das Badezimmer ist ein Ort der seelischen Selbst-Therapie

Köln (ots) -          Das Badezimmer dient der äußeren Hygiene, Körperpflege und -reinigung? Weit gefehlt!

    Mehr als jeder andere Raum einer Wohnung, das ergab eine tiefenpsychologische Studie der Universität Köln, dient dieser intime Rückzugsort vor allem der seelischen Selbstbefreiung, Verwandlung und Bestätigung. Das Badezimmer ist Tollhaus und Tabernakel der "Ich-Kultur": Ein Praxisraum der seelischen Selbst-Behandlung, eine Art Psychologen-Couch aus Kacheln und Armaturen, Tiegeln und Tuben, Lappen und Tüchern.

    Die Untersuchung "Qualitative Grundlagenstudie zum Wirkungsraum Badezimmer" wurde in Zusammenarbeit mit rheingold unter der Leitung von Dr. Herbert Fitzek am Psychologischen Institut der Universität Köln durchgeführt.          Menschen benutzen das Badezimmer rituell zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Situationen. Es ist dabei völlig egal, ob sie sauber oder dreckig sind: Im Badezimmer betreiben sie die Fabrikation von "Ich" und Identität.

    Sie probieren, wie weit sie sich durch Rubbeln, Cremen und
Deodorieren in verschiedene seelische Verfassungen bringen können,
und gleichzeitig perfektionieren sie die Fähigkeit, die liebgewordene
und dringend gebrauchte seelische Stabilität trotz der Wechselfälle
des Lebens, trotz Spuren von Alter und Erschöpfung immer wieder neu
zu erschaffen.
    
    Das Badezimmer als Tollhaus
    
    Bei tiefenpsychologischen Interviews wird das "stille Örtchen"
Badezimmer von seinen Benutzern unter drei Typisierungen erlebt, die
auch die konkrete Ausgestaltung des Raumes prägen.
    
    - Die Trauminsel
    Das Badezimmer ist ein Fenster zu Träumen und Sehnsüchten - und
verlangt deshalb immer auch einen Blick in die Natur. Auf dieser
Trauminsel gleitet man bei angenehmen Temperaturen in das Halbdunkel
eigener Wünsche und Phantasien, verwöhnt sich mit erholsamen
Auszeiten und körperlichen Genüssen aller Art. Entsprechend bekommt
dieser Raum eine individuelle Note und wird mit mehr oder weniger
materialisierten Erinnerungen wie Palmen, Muscheln und Mitbringseln
aller Art geschmückt.
    
    - Die Reinigungsanstalt
    Die "Nasszelle" konfrontiert auch mit dem, was ekelt und zuwider
ist, mit Zwängen und Abhängigkeiten. Das Badezimmer fordert so immer
wieder zu Feldzügen gegen Stinkendes und Schmutziges heraus und wird
zu einem Symbol für Sauberkeit und Hygiene. In der Gestaltung des
Badezimmers drückt sich dieses aus durch klare Formen, makellose
Ordnung und den Wunsch nach Zweckmäßigkeit, optimaler Ausnutzung und
günstigem Stauraum.
      
    Die Spielwiese der Verführbarkeit
    Im Badezimmer werden die gesellschaftlichen Konventionen abgelegt,
und die Menschen setzen sich den wechselnden Möglichkeiten des
Unvorhergesehenen aus. Lust und Laune, Spiel und Spaß: Nicht nur im
wörtlichen Sinne kommt im Badezimmer vieles ins Gleiten und Rutschen
und verführt dann zu - teilweise gefährlichen - Experimenten mit
schlüpfrigen Taten und Gedanken.
    
    Das Badezimmer bietet im konkreten Alltag jedoch nicht nur einen
Raum für seelisch-leibliche Verwandlungen, sondern steht auch als
Spiegel-Kabinett für den Anspruch auf ungeteilte Individualität.
    
    Das Badezimmer als Tabernakel
    
    Im Badezimmer wird die heiligste Handlung unserer narzisstischen
"Ich-Kultur" betrieben: die immer wiederkehrende Erschaffung von
"Ich" und Identität. Hier tritt man nackt vor sich hin und probt die
Verkleidung für den Tag. Es kostet viel Zeit und zuweilen auch
ungeheure Anstrengungen, sich immer wieder als ein besonderes,
einmaliges Wesen zu gestalten. Im Sich-Herrichten und Zurechtmachen,
im Betasten und Behandeln der eigenen Körperhülle, in verträumten
Anproben und Auftritten wird versucht, ein unverwechselbares Bild von
sich selbst herauszumodellieren. Körperinspektionen zeigen, was man
an sich schätzt und liebt - aber auch, was man an sich hasst und
beseitigen will. Antrieb für dieses sehr persönliche
Identitätsstreben ist die Suche nach einer festen, schönen und
liebgewonnenen Gestalt, in der sich der Mensch immer wiederfinden
kann. Das "Ich" ist nichts Festes: Es löst sich auf und muss durch
    Cremen, Rubbeln, Sprühen und andere Verrenkungen, mit Hilfe von
Schmuck und Maskerade immer wieder hergestellt werden.
    Das glänzende und spiegelnde Erscheinungsbild des nüchternen
"Funktionsraumes" Badezimmer hat also nicht nur mit dem Tabu
ungeliebter Ausscheidungen zu tun, sondern das "Spiegel-Kabinett"
dient der Herstellung des eigenen, schönen und perfekten "Ich": Es
sorgt dafür, dass man sich im Wechsel der Verhältnisse immer im Blick
behält.
    
    Die paradoxe Intimität des Badezimmers
    
    Ein Paradox: Gerade in der abgeschiedenen Intimität des
Badezimmers wird "der Andere" gebraucht - als Herausforderung,
Bestätigung und beständiges Ärgernis. Das Badezimmer ist der einzige
Raum, in dem man sich auch den engsten Angehörigen gelegentlich
entzieht, und das wohlige Alleinsein in Badezimmern ist eine
immerwährende Diskussionsquelle für Lebensgemeinschaften aller Art -
und der Streit um die richtige Form der Zahnpastatuben-Entleerung ihr
Symbol. Im Badezimmer wird getestet, wie weit wir "die Anderen" in
das "Ich-Werk" einbeziehen oder außen vor lassen wollen.
Interessanterweise kommt es bei der Benutzung von Badezimmern nur
selten zu eindeutigen Regelungen: Gerade das Ringen um Ein- und
Ausschlüsse, das Spiel um Zugangsrechte und der Kompromisscharakter
ewiger Übergangslösungen kennzeichnen den (a)sozialen Charakter der
eigenen Lebenswelt: Ohne die Notwendigkeit des Ein- und Ausschlusses
der Mitmenschen ließe sich überhaupt nicht erklären, warum gerade
Badezimmertüren häufig halbdurchlässig (milchverglast oder auch nur
angelehnt) sind, warum gerade hier immer wieder Schlösser versagen
oder Schlüssel verschwinden und so häufig von Unfällen oder
Zwischenfällen die Rede ist.
    
    Badezimmer erinnern die Menschen unbewusst daran, dass unsere
"Ich-Kultur" immer auch von den wohl- oder übelwollenden Perspektiven
der anderen bestimmt ist und sich gegen die Blicke der anderen
behaupten muss.
    
    Autoren der Studie:
    Bärbel Beusch
    Katharina Kloss
    Anja Rohmann
    Oliver Schmidt
    Björn Schmidthals
    
ots Originaltext: rheingold - Institut für qualitative Markt- und
Medienanalysen
Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de

Kontakt:
Psychologisches Institut der
Universität Köln
Dr. Herbert Fitzek
Tel.: 02 21/4 70 27 32
Fax: 02 21/4 70 50 02
Mail: h.fitzek@uni-koeln.de

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