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Die psychologische Bedeutung der ARD: Die zentrale Orientierungs-Instanz im Wirbel der neuen Medien

    Köln (ots) - Untersuchungen mit 1.404 Tiefeninterviews und 25 Gruppendiskussionen in den vergangenen drei Jahren ergaben: Die ARD führt die Zuschauer zwar nicht in begeisternde Stimmungswelten wie die privaten Sender, die ARD ist aber für die Bevölkerung unverzichtbar. Ihr wird generell mit einer hohen vertrauens - und respektvollen Einstellung begegnet. Im Wirbel der Neuen Medien, der kulturellen Ausdifferenzierungen und Unübersichtlichkeit wird sie als eine zentrale Orientierungs-Instanz erlebt, die maßgeblich den eigenen Alltag mitprägt und eine kulturelle Verankerung der Bevölkerung ermöglicht. In der Wahrnehmung  der Zuschauer erzeugt die ARD eine Art mediale Leitkultur: Sie kreiert durch ihre Programme den Rahmen eines verbindenden Gemeinschaftsgefühls und markiert, was im Weltgeschehen und in der Region wirklich wichtig ist. Durch ihren regionalen Bezug fungiert sie als Knigge des öffentlichen Lebens und präsentiert prägnante Orientierungsgestalten, die eine kulturelle Vorbild-Funktion erfüllen. Mit dieser Wahrnehmung durch die Zuschauer. unterscheidet sich die ARD deutlich von ihren kommerziellen Mitbewerbern.

    Insgesamt acht psychologische Aspekte prägen die Einstellungen der Zuschauer gegenüber der ARD:          1. Die ARD als Wiege eines Gemeinschaftsgefühls          Die ARD konturiert mit ihren Programmen buchstäblich einen öffentlich-rechtlichen Gemeinschaftsraum. Vor allem durch den verlässlichen Blick auf politische, sportliche oder gesellschaftliche Großereignisse schafft sie in der Bevölkerung ein Gefühl der Einheit. Mit ARD-Sendungen wie der Tagesschau, den Übertragungen von olympischen Spielen, anderen Sport-Großereignissen und aktuellen Brennpunkte ist das bergende Gefühl verbunden, sich für eine kurze Zeit einer Fernsehnation verbunden zu fühlen und in eine familiäre Gemeinschaft einzutauchen.          2. Versorgung mit fester Tagesstruktur          Das feste Programmschema der ARD hat auch noch heute maßgeblichen Anteil an der Strukturierung des Tageslaufs in unserer Kultur. Die durch die Tagesschau geprägte Zwanzig-Uhr-Marke läutet im Biorhythmus der Nation den Feierabend ein. Die mit dem Ende der Tagesthemen gesetzte Schwelle um Dreiundzwanzig Uhr markiert das Ende des Werktags. In ihrer Programmstruktur spiegelt die ARD die kulturelle Aufteilung von Arbeit und Muße, Pflicht und Kür.          3. Die ARD als Richtungsanzeiger im Weltgeschehen          Die ARD schafft eine Art mediale Leitkultur durch kollektive Ausrichtung. Von einem betont deutschen Standpunkt fokussiert sie das Weltgeschehen. Ihr wird von den Zuschauern ein fast objektiver Blick auf die Geschehnisse der Welt attestiert. Die ARD steht daher im Gegensatz zu den Privaten, die das Feld der Innerlichkeit und des Selbstbezugs besetzt haben, für ein Fern-Sehen, bei dem sich Zuschauer vergewissern, was wichtig und unwichtig in der Welt ist und worauf es zu achten gilt. Vor allem in Krisenzeiten, bei Katastrophen oder politischen Umbrüchen wird die ARD zum unverzichtbaren und maßgebenden Medium, das den Zuschauern, Fassung, Halt und Orientierung gibt.          4. Die ARD als Knigge des öffentlichen Lebens          Die regionalen Kompetenzen der ARD, aber auch die vornehmlich deutschen TV-Produktionen fördern auch den Alltagsbezug. In regionalen Reportagen, in Ratgeber-Sendungen, politischen Magazinen, deutschen Soaps oder Fernsehfilmen richtet die ARD den Blick der Zuschauer auf die gelebte Alltagskultur in unserem Land. Durch die Auseinandersetzung mit diesen Formaten ‚erzieht' die ARD die Zuschauer. Sie vertritt dabei einen normativ-bürgerliche Wertekanon und markiert, was erlaubt und verboten ist, was es zu fördern und zu verurteilen geht, und wie die Menschen eigentlich miteinander umgehen sollten. Sie schafft dadurch einen für unsere Kultur verbindlichen Knigge des öffentlichen Lebens.          5. Die kulturelle Vorbild-Funktion der ARD          Mit der ARD werden auch wie mit keinem anderen Sender prägnante Orientierungsgestalten verbunden, die einerseits ihre Eigenart verkörpern und die andererseits eine Art kulturelle Vorbild-Funktion erfüllen. Ulrich Wickert, Dagmar Berghof, Sabine Christiansen, aber auch viele Tatort-Kommissare werden als Leitfiguren des deutschen Fernsehens erlebt, weil es ihnen gelingt, Kompetenz, Glaubwürdigkeit, Seriosität mit einer menschlichen Authentizität zu verbinden. Sie leisten als Personen das, was die ARD als Instanz erzeugt: Sie bringen die Unruhe des Lebens in eine Fassung. Dadurch vermitteln sie dem Zuschauer ein Gefühl von Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Aufgehobenheit.               6. Die ARD als Fels in der Brandung und Stein des Anstoßes          Das Verhältnis der Zuschauer zur ARD ist ambivalent: Als verlässlicher Fels in der medialen Brandung vermittelt sie Sicherheit und Orientierung, aber sie fordert den Zuschauer auch heraus, sich auseinander zu setzen, auszuwählen, einen Standpunkt zu beziehen. Die ARD verströmt durch ihre Programme ein Sendungs-Bewusstsein, das die Zuschauer an Arbeit und Erziehung erinnert und das sich mit dem privaten sich fallen-lassen können der privaten Sender bricht. Die ARD konterkariert mit ihrem Anspruch die übliche Unterhaltungsgier. Sie geht nicht auf bedingungslosen Schmusekurs mit den Zuschauern, sondern sie vertritt eine Form konservativer Konversation.          Der ARD wird eher eine Orientierungs- als eine Unterhaltungskompetenz attestiert. Ansätze zu einem innovativen und eigenen Unterhaltungs-Stil finden die Zuschauer vor allem in den dritten Programme, die bei der Entwicklung neuer Unterhaltungsformate (Schmidteinander, Zimmer frei, Extra Drei) als experimentierfreudig erlebt werden. Aber diese Unterhaltung muss sich der Zuschauer verdienen, denn sie wird immer wieder gebrochen durch den Blick auf den Wandel der Welt und die Not des Lebens.          7. Fernsehen heute: Gefühlsapotheke und Spiegel eigener Befindlichkeiten          Mit der Programmvielfalt der privaten Sender hat sich auch die Funktion des Fernsehens für die Zuschauer gewandelt. Das Fernsehen avanciert zur Gefühls-Apotheke. Auf Knopfdruck sollen die immer verfügbaren erregenden, erheiternden, harmonisierenden oder extremisierenden Programmangebote eine gewünschte Stimmungs- oder Verfassungsänderung bewirken. Das Fernsehen wird daher immer stärker genutzt, um die privaten Verspannungen und Verstimmungen des Tages mithilfe von Action, Comedy, Soaps, Musik oder Erotik aufzulösen. Durch Talkshows oder Formate wie Big Brother steigert sich der Selbstbezug des Fernsehens: Der Fernseher ist nicht mehr das Fenster zur Welt, sondern der Spiegel eigener Befindlichkeiten. Die privaten Sehnsüchte, Ängste und Schicksalsdramen der Zuschauer werden gespiegelt.

    Diese Dramatisierung privater Eigenwelten übt aktuell einen
starken Sog auf die Zuschauer aus, sie stärkt aber auch die
Verankerungs- und Orientierungs-Funktion der ARD, denn die Zuschauer
spüren immer wieder, dass sie sich in den beliebigen und frei
flottierenden Erlebniswelten verlieren. Angesichts der fiktionalen
Schicksals-Simulationen drohen sie weltlos zu werden und ihre
Realitätsverankerung einzubüßen.
    
    8. Die Zukunft der ARD: Bekenntnis zur kulturellen Leit-Instanz
    
    Die ARD soll in den Erwartungen der Zuschauer daher auch in
Zukunft kulturelle Verankerungsmöglichkeiten anbieten, indem sie sich
mit den Entwicklungen der Region und der Welt befasst, indem sie
Wert-Maßstäbe setzt und vertritt und indem sie vor allem über ihre
Repräsentanten und Leitfiguren ihrer kulturellen Vorbild- und
Orientierungsfunktion gerecht wird. Allerdings beobachten viele
Zuschauer eine oft beklagte Angleichung der ARD an die Angebote und
das Niveau der privaten Konkurrenz. Sie vermissen prägnante
Orientierungsgestalten, die dem Programm der ARD wieder ihren
Charakter-Stempel aufdrücken.
    
    Satt weiterer Anlehnung an die Unterhaltungskompetenzen der
Konkurrenten wie Talk oder Shows wünschen die Zuschauer: Die ARD soll
sich selber Maßstab sein und ihr eigenes Profil stärken. Die primären
Kompetenzfelder sind dabei neben der Information, die
öffentlich-politische Diskussion, der Blick auf das regionale
Lebensfeld, der Fernsehfilm und die goutierbare Dramatisierung von
literarischen, historischen oder aktuellen Stoffen. Bei der
Kultivierung dieser vier Aufgabenfelder erwartet man von der ARD zwar
kulturelle Offenheit und Mut zur Umgestaltung, dabei soll aber die
anspruchsvolle Spielbreite und vor allem die niveauvolle Tiefe der
ARD nicht verloren gehen. Die ARD soll auch in Zukunft einen Rahmen
setzen, der den Zuschauer einerseits Halt und Orientierung gibt und
sie andererseits zu Kritik und Auseinandersetzung herausfordert.
    
    
    Projektleitung: Stephan Grünewald
    
    
ots Originaltext: rheingold Institut für qualitative
Markt- und Medienanalysen
Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de


Thomas Strätling
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Leiter Unternehmenskommunikation
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