rheingold salon

Harry Potters Zauberformel: Der Triumph altmodischer Tugenden

Köln (ots) - Begeistert Harry Potter seine Leser durch die Möglichkeit der Flucht in zauberhafte Phantasie-Welten? Das Gegenteil ist der Fall: Der unvergleichliche Triumph des Fortsetzungsromans bei Kindern und Erwachsenen beruht auf der Faszination scheinbar unpopulärer Prinzipien, die in der Gegenwartskultur aus der Mode gekommen zu sein scheinen. In einer Welt der sofortigen Bedürfnisbefriedigung und technologischer Machbarkeit propagiert der Roman ein altmodische Entwicklungsprinzip, das die Mühen, Quälereien und Ängste, die Möglichkeiten des Stolperns und Scheiterns auf dem Weg zur eigenen Berufung in den Mittelpunkt stellt. Eine tiefenpsychologische Untersuchung von rheingold mit 20 Erwachsenen und jungen Lesern zwischen 10 und 14 Jahren über die Faszination der Romanreihe erbrachte ein Paradox: Harry Potter handelt nur scheinbar vom Zaubern - tatsächlich zeigen die Abenteuer des Protagonisten, dass bei dem Weg der persönlichen Entwicklung kein Trick, keine vordergründige Zauberei möglich ist. Der tatsächliche Zauber liegt nicht in der Möglichkeit des mühelosen Erreichens eines gewünschten Zieles und der zauberhaften Allmacht, sondern in einer mühevollen Selbstfindung mit ihren Härten, Unsicherheiten und Gefahren, Möglichkeiten und Chancen, in der Magie des Alltages. Durch die Lektüre werden die Leser zu Mitwissern über unbekannte Seiten und Geheimnisse der Wirklichkeit, zu denen andere noch nicht vorgedrungen sind und wohl auch nicht vordringen werden: Trotz aller rationalistisch-technologischen Erkenntnisse wissen die Menschen weder genau, wie ihr Alltag funktioniert, noch woher sie kommen oder wohin sie gehen. Um dieses herauszufinden, müssen sie - wie Harry Potter - einen langwierigen Entwicklungsweg auf sich nehmen. Durch die Auseinandersetzung mit den Abenteuern von Harry Potter konfrontieren sich die Leser mit ihrer eigenen Biographie, ungelebten Möglichkeiten und Potentialen und den Möglichkeiten ihrer Verwirklichung. Die Welt des Harry Potter ist vielschichtig und doppelbödig. Die Kategorien "Realität" und "Phantasie" werden gründlich durcheinandergewirbelt und wer mit Harry Potter beim Lesen die Seiten wechselt, erlebt ein doppeltes Paradox: Die vorgeblich phantastische Welt der Zauberer funktioniert im Kern geradezu ernüchternd normal und alltäglich, während scheinbar selbstverständliche Aspekte des vertrauten Alltags exotische und bizarre, eben phantastische Seiten entfalten. Die Botschaft "Phantastik ist real - Realität ist phantastisch" , die im Roman durch die Ko-Existenz der Zauber - und Muggelwelt versinnbildlicht wird, hat ihren Weg inzwischen in die Realität gefunden: Heranwachsenden wie Erwachsenen macht es eine große Freude, Harry Potter Wirklichkeit werden zu lassen: Auf den Bahnhöfen sind in diesen Tagen wirklich 9 3/4 Gleise zu finden, Buchhandlungen verwandeln sich in Schauplätze des literarischen Geschehens, Bücher werden zu mitternächtlicher Stunde ausgeliefert - die übliche Verkaufsrealität wird auf den Kopf gestellt: Der Alltag entwickelt durch die Brechung starrer Gewohnheiten eine eigene, ungewohnte Magie. Leser aller Altersgruppen spüren, dass diese Magie den ersten Schritt auf dem Weg einer eigenen Weiterentwicklung darstellt -- ein mühsamer Weg, denn wie in Grimm's Märchen ist Entwicklung mitunter nur unter Einsatz des eigenen Lebens zu haben. Für diese Auffassung von Entwicklung und Selbstfindung, die sich in den Abenteuern von Harry Potter wiederfindet, haben Kinder in der Vorpubertät ein gutes Gespür. Sie interessieren sich vor allem für praktische und naheliegende Fragen: Wie kann man leben, wenn man anders ist als die anderen, wie findet man Freunde, wie kann man sich versöhnen, wenn man sich gestritten hat, wie geht man mit dem anderen Geschlecht und den ersten Verliebtheiten um? Die Antworten auf diese Fragen finden sich nur in einem schmerzhaften, verunsichernden und desillusionierenden Prozess: Verbündete können sich als Gegner und geliebte Überzeugungen als Wunschdenken entpuppen. Dieser Prozess, den Harry Potter durchläuft, berührt bei allen Lesern Fragen der eigenen Lebenssituation und Geschichte: Was hat sich im eigenen Leben festgefahren ? Welche schlummernden Talente harren der Erweckung? Was sind die Geheimnisse der eigenen Geschichte, die das Leben bestimmen? Welchen unbewussten Besessenheiten folgt man seit vielen Jahren? Von welchen geheimen Wünschen kann man einfach nicht lassen? Erwachsene Leser fasziniert, durch die Lektüre von Harry Potter das Abenteuer der eigenen Entwicklung noch einmal durchlaufen zu können. Dabei helfen ihnen die erwachsenen Seiten des Protagonisten: Gefangen in unerträglichen Lebensumständen hat er sich mit den Verhältnissen arrangiert, bis eine verschüttete Berufung sich unüberhörbar zu Wort meldet. Die Stirnnarbe ist dabei das mehrdeutige Symbol dieser verborgenen Bestimmung: Sie ist Zeichen einer in der Vergangenheit erlittenen Verletzung, aber auch das Signal der Besonderheit und Bedeutsamkeit der eigenen Herkunft - und den damit verbunden Aufgaben. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wirkt der Mythos glaubhaft, die Autorin J. K. Rowling habe sich in einer existentiellen Lebenskrise durch das Schreiben der Romane selbst gerettet. Die Leser haben das Gefühl, hierzu durch den Erwerb des Buches etwas beigetragen zu haben: Sie sind Mitglied einer verschworenen Gemeinschaft und haben so der zu Unrecht Verschmähten zum verdienten Ruhm verholfen. Harry Potter gelingt ein echtes Zauberstück: Er spricht bei den Lesern nicht nur existentiell bewegende Themen an, sondern er kreiert und bewahrt eine Vielschichtigkeit, die die Lektüre sowohl aus der Lebensperspektive von Kindern, als auch von Erwachsenen sinnvoll und spannend macht. Wer den Verkaufserfolg ausschließlich einer ausgefuchsten Marketingstrategie zuschreibt, greift zu kurz: Selbst bestes Marketing kann nur verkaufen, was beim Publikum auf fruchtbaren Boden fällt. Projektleitung: Judith Behmer Thomas Oppel ots Originaltext: rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Thomas Strätling straetling@rheingold-online.de rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen Kaiser-Wilhelm-Ring 46 D-50672 Köln Tel.: ++49/(0)221/912 777-44 Fax: ++49/(0)221/912 777-43 Mobil: ++49/(0)172/3918613 http://www.rheingold-online.de Original-Content von: rheingold salon, übermittelt durch news aktuell

Themen in dieser Meldung


Das könnte Sie auch interessieren: