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Wieso die Menschen den Eindruck haben: Er hat sich für uns geopfert
Psychologischer Kommentar zum Tod Robert Enkes
Von Dipl.-Psychologin Ines Imdahl, rheingold Institut Köln

Köln (ots) - Deutschland ist erschüttert vom Selbstmord des Nationaltorwarts - auch Menschen, die man nicht wirklich als Fußballfans bezeichnen kann und die ihn vielleicht auch nicht einmal richtig kannten. Wie kann jemand, der so erfolgreich ist, eine liebende Ehefrau hat und sogar einen der härtesten Schicksalsschlag des Lebens, den frühen Tod seiner Tochter, mit der Adoption eines Kindes verarbeitet zu haben scheint, sich einfach vor den Zug werfen?

Die schnelle Antwort auf diese Frage, am Tag 'danach' lautet Depression. Das erleichtert einerseits: man hat eine Erklärung für das Unfassbare. Gleichzeitig aber ist diese Erklärung selbst unheimlich. Passt sie doch so gar nicht zum Bild das man gerne von Depressiven hat: Antriebslos, offensichtlich traurig und vor allem nicht erfolgreich - weder beruflich, noch privat. Wieso war Robert Enke eigentlich depressiv? Gäbe es da nicht eine Menge mehr Menschen, die Grund zur Depression hätten?

Die Erschütterung lässt sich weder durch den Selbstmord noch durch die Depression allein erklären. Und auch die Wichtigkeit des Fußballs in Deutschland reicht nicht aus. Wir sind bewegt, weil wir mitbekommen, dass Robert Enkes Freitod vielmehr mit uns, unserem Alltag und unserem Leben zu tun hat als wir wahrhaben möchten.

Unser Traum vom Glück:

1. Lebensgier

In Deutschland gibt es derzeit einen besonderen Traum vom Glück. Wir wollen alle uns gebotenen Chancen und Möglichkeiten aufgreifen, nichts auslassen, ja nichts verpassen - jeder ungenutzten Chance wird nachgetrauert. Geschürt wird diese 'Gier' auf das Leben durch die Krise: Jeder Tag soll ausgekostet werden, man will das Leben genießen, solange es noch geht. Trotzkonsum und Carpe Diem statt Trauermiene. Dabei glauben wir selbst unseres Glückes Schmied zu sein. Mit Leistung und Disziplin kann man fast alles erreichen. Den Rest erledigen Schönheitschirurgie und Gentechnologie, der sich zunehmend gern bedient wird.

2. Perfektionsdruck:

Chancen und Möglichkeiten haben sich längst verkehrt in einen ungeheuren Druck: Man muss, weil man kann! Auf allen Ebenen soll herausgeholt werden, was herauszuholen ist - das 'Glück soll beim Schopfe gepackt werden'. Das gilt natürlich insbesondere auch für den Leistungssport Fußball. Keine Leistung oder keine Lust, das wird nicht akzeptiert. In dieser Logik wehrt Robert Enke möglichst alle Treffer des Lebens ab. Er steht wie eine 1 und brilliert dadurch als nationaler Abwehrchef.

3. Zwang zum Glück:

Soweit ist das Ganze noch nicht überraschend: Die Deutschen haben ihre 'Leistungen' und ihren Fußball immer sehr ernst genommen - fast schon verbissen sich an allem abgearbeitet. Aber die Lebensgier der Menschen - geschürt durch die immer größer werdende Vielfalt an Möglichkeiten und die Krise verlangt jetzt noch mehr:

Wir erwarten und suchen in all dem Tun und Getriebensein unser Glück. Die Perfektion soll leicht daher kommen - wir sollen dabei noch froh und munter sein. Sich zu beschweren passt nicht zu unserem Traum vom Glück. Wir haben ja alles - zumindest haben wir alle Möglichkeiten. So wie Robert Enke auch oder insbesondere auch einer wie Robert Enke.

4. Hoffnung auf Erlösung:

Aber wir sind nicht glücklich - nicht wirklich jedenfalls. Wir demonstrieren es nur jedem - auch uns selbst. Wir tun als ob, wahren den Schein oder glauben immer noch alles schaffen zu können - im Privaten und in der Wirtschaft. Genau so, wie Robert Enke und seine Frau das glaubten. Sein Freitod aber zeigt, was passiert, wenn die Depression immer verleugnet und versteckt wird. Wir ahnen, dass unser Verhalten und Verdrängen ebenfalls furchtbar - nämlich 'tödlich' - enden kann. Das erschüttert uns.

Robert Enkes Tod führt uns aber auch vor Augen, wie sehr wir uns wünschen aus dieser Mühle von Perfektionsdruck und Glückszwang Glück herauszukommen - zuzulassen, dass es uns gar nicht so gut geht, obwohl wir einen Job haben, eine Familie oder einen, der uns liebt . Wir hoffen auf eine Veränderung, eine (Er-)Lösung und darauf zumindest zugeben zu können, dass nicht alles Glück ist, was glänzt.

Der Tod ist die radikalste aller vorstellbaren Veränderungen - wenn sich nichts mehr bewegt, dann bewegt der Tod. Der Freitod von Robert Enke ist daher nicht nur ein Ende, sondern könnte auch ein Anfang sein. Eine Er-Lösung nicht von dem Bösen, sondern von unserem 'Zwang zum Glücklichsein'. Wir könnten veranlasst werden wieder genauer hinzuschauen, sich auf Krisen einzulassen, sie anzupacken und zu durchleiden - statt sie zu verdrängen und mit immer neuen (Staats-)Millionen zu versuchen, sie doch noch abzuwenden.

Robert Enkes Selbst-Opferung, ist eine moderne Jesus-Geschichte. Er ist stellvertretend für uns 'gestorben' und zeigt uns, wie sehr wir unter unserem Lebensmodell leiden. Auch das erschüttert uns. Nun haben wir die Wahl. Verdrängen wir weiter wie bisher und nehmen im Laufe der Zeit weitere Opfer in Kauf? Oder nutzen wir diese Zuspitzung als Chance etwas zu verändern? Bisher hat Enkes Opfer zu einer kurzen Be-Sinnung geführt innerhalb der Gesellschaft geführt. Führt dieses Innehalten zu einer Abkehr von unserer leistungsgetriebenen Jagd nach dem 'Glück', dann wäre der Tod von Enke vielleicht nicht umsonst gewesen. Wie schnell sich jedoch nach der Absage des Länderspiels 'business as usual' einstellt, bleibt abzuwarten.

Ines Imdahl 
Diplom-Psychologin 
Geschäftsführerin des Kölner rheingold Institutes für qualitative 
Markt- und Medienanalysen 

Pressekontakt:

Rainer Pfuhler
Leiter Marketing und Unternehmenskommunikation
rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen
Tel.: 0221-912 777 - 38
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