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Big Brother - Die Puppenstube der Erwachsenen

Köln (ots) - Tiefenpsychologische rheingold - Studie analysiert Big Brother als ein Gesellschaftsspiel zur Wiederentdeckung des verlorenen Alltags Das Zuschauer-Interesse an Big Brother lässt sich nicht auf gemeinen Voyeurismus oder Sensationsgier zurückführen, denn dafür sind die gezeigten Ereignisse viel zu unspektakulär und alltäglich. Eine tiefenpsychologische Untersuchung des Kölner Instituts für Markt- und Medienanalysen rheingold ergab, dass Big Brother zwar die anfängliche Erwartung der Zuschauer nicht erfüllt, quasi mit göttlichem Blick sonst verborgene Skandale und Perversionen beobachten zu können, doch stattdessen eröffnet das Fernseh-Ereignis den Blick auf einen banalen und authentischen Alltag, von dem eine zunehmende Faszination ausgeht: Big Brother befriedigt eine wachsende Sehnsucht der Menschen, das alltägliche Leben wiederzuentdecken. Diese Faszination zeigt auf, wie sehr die Medien-Gesellschaft ein unmittelbares und ganz normales Alltagsleben verloren hat: Die Zuschauer nutzen Big Brother, um durch die Beobachtung des Gruppenschicksals eigene Grundfragen des sozialen Zusammenlebens in allen Harmonie- und Krisenwendungen durchzuspielen. Dabei gehen sie vor, wie Kinder mit ihrer Puppenstube: Sie genießen die Eingriffsmöglichkeiten in das Schicksal der Figuren und deklinieren mit ihnen den banalen Koch-, Putz-, Dusch- und Gammelalltag durch. Sie spielen Vater, Mutter, Kind und überprüfen anhand der beobachtbaren Gruppendynamik eigene Beziehungsmuster, das eigene Rollenverhalten und persönliche Konfliktstrategien. Big Brother ist daher nicht nur ein TV-Ereignis, das sich lediglich passiv vor dem Bildschirm abspielt. Es hat den Charakter eines kollektiven Gesellschafts- und Psycho-Spiels: Die gesellschaftliche Beteiligungsquote ist dabei weitaus höher als die Einschaltquote. Die Studie differenziert vier verschiedene Blickrichtungen, welche die Zuschauern nutzen, um die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen: 1. Der göttliche Blick: Der flüchtige Kitzel der Allmacht Der - weitgehend enttäuschte - Wunsch, ein göttliches Auge zu besitzen, dem keine Ungeheuerlichkeit verborgen bleibt, geht einher mit der Hoffnung, wie beim Puppenspiel selbst das Schicksal der Figuren in der Hand zu haben, zu entscheiden, wer gehen muss und wer bleiben darf. Am liebsten würden die Zuschauer jedoch selbst das Drehbuch schreiben und bestimmen, wer mit wem anbändeln, und wer sich mit wem streiten soll. Diese Allmachtphantasie, die sich aus dem tiefen Wunsch nährt, endlich einmal bei wichtigen Dingen mitentscheiden zu können, verschiebt sich angesichts des trivialen Alltagsgeschehens im Container dann zu einer neuen Perspektive: Die banalen, aber authentischen Alltagsprozesse werden lustvoll verfolgt. 2. Der Alltags-Blick: Die wiedergefundene Faszination des Alltäglichen Ebenso, wie die Kinder im Spiel mit der Puppenstube den Lebensalltag nachbilden und begreifen, wollen sich die Zuschauer vor Augen führen, was im Alltag alles drin ist und welche Kleindramatik selbst in den trivialsten Verrichtungen steckt: Big Brother ermöglicht es ihnen, den selbstverständlich gewordenen eigenen Alltag wieder neu zu verstehen und hilft durch den Vergleich mit dem eigenen Leben bei der Überprüfung und Etablierung normaler Alltagsmaße: "Wenn ich so sehe, wie die putzen, sich waschen oder rumlungern, habe ich das Gefühl, dass ich doch ganz normal bin." Projektleiter Stephan Grünewald: "Angesichts der bunten, gestellten und eher glänzenden Bilderflut der Soaps, Serien und Illustrierten habe es viele Menschen in unserer Kultur verlernt, sich ihren eigenen scheinbar grauen Alltag anzusehen." 3. Der Beziehungs-Blick: Auf der Suche nach der Streit-Kultur Als dritte Perspektive verfolgen die Zuschauer aber auch mit wachsendem Interesse die brodelnde Groß-Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie erleben im Container das Entstehen einer eigenen Kultur und verfolgen gespannt, welche Gruppierungen und Regularien hieraus erwachsen. Die Beobachtung und das persönliche Durchspielen der Beziehungs-Konstellationen bei Big Brother regt die Entwicklung oder Überprüfung eigener Beziehungsmuster und Konfliktstrategien an: "Die haben ja alle bestimmte Rollen in der Gruppe, da wurde mir meine Rolle in meiner Clique erst mal deutlich." Big Brother bietet den Zuschauern eine Plattform der "stellvertretenden Selbsterfahrung" als Quasi-Teilnehmer eines gruppendynamischen Prozesses, der sie mit ihren eigenen Ängsten, Hoffnungen, Möglichkeiten und Grenzen konfrontiert. Stephan Grünewald: "Big Brother verspricht die Kompensation sozialer Defizite. Die Zuschauer haben es in unserer Gesellschaft durch die vielfältigen Freizeit- und Unterhaltungsangebote, durch Rückzugs- und Ablenkungsmöglichkeiten fast schon verlernt, eine ausgeprägte und stabile eigene Beziehungs- und Streitkultur zu entwickeln." 4. Der Psycho-Blick: Wir werden alle zu Experten Die Möglichkeit, menschliche Verhaltensweisen einmal unter extremen Bedingungen beobachten zu können, führt zu einer fast wissenschaftlichen Haltung und zu einem psychologischen Blick: Die Zuschauer setzen sich intensiv mit den Biographien der Teilnehmer auseinander und versuchen hinter die Fassaden der Personen zu sehen: "Da zittere ich mit, da rate und analysiere ich mit und überlege ständig, wer mit wem." Ein kollektives Psychospiel setzt ein, bei dem man im Wettstreit mit Freunden und Bekannten mit seinen eigenen Beobachtungen, Analysen und Prognosen zu brillieren hofft. Wenn die Zuschauer mit ihren Einschätzungen richtig liegen, stellt sich bei ihnen ein souveränes Gefühl des Welt-Verstehens ein. Der persönliche Verstehens-Triumpf kontrastiert wohltuend mit dem verwirrenden und kränkenden Nichtverstehen, das sie heute im Hinblick auf die immer komplexer werdenden Entwicklungen in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verspüren. Projektleiter Stephan Grünewald:" :"Big Brother schadet den Zuschauern nicht. Viele von uns haben den einfachen Blick auf den Alltag verloren und das Fernsehen versucht, mit dieser Reihe die sozialen Defizite zu kompensieren, die es selbst mitbegründet hat. Langfristig wird Big Brother die Zuschauer allerdings enttäuschen, denn die Reihe kann die Verheißungen von Allmacht und göttlichem Blick, komplettem Alltagsverständnis, Steigerung der persönlichen Beziehungs- und Streitkultur und des persönlichem Expertentum nicht einlösen. Von daher werden die Erwartungen des Publikums und der Medien auf neuere und extremere Formate verschoben werden." Eine Langfassung der Studie finden Sie im Internet unter www.rheingold-online.de oder Sie können sie sich auch direkt zuschicken lassen. ots Originaltext: rheingold Institut für qualitative Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Kontakt: Thomas Strätling Leiter Unternehmenskommunikation / Pressesprecher Tel. 0221/91277744 Fax 0221/91277743 mail: straetling@rheingold-online.de rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalyse Kaiser-Wilhelm-Ring 46 D-50672 Köln net: www.rheingold-online.de Original-Content von: rheingold salon, übermittelt durch news aktuell

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