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Energiewende in Deutschland: Kosten für Netzeingriffe explodieren

Düsseldorf (ots) - Energiewende-Index von McKinsey: Manche Ziele der Energiewende weit über Plan, andere hingegen fast nicht mehr zu erreichen - Ausbau der Transportnetze kommt kaum voran - Strompreise weit über EU-Niveau

Bei relevanten Zielen der Energiewende in Deutschland wird die Schere zwischen einerseits nicht mehr erreichbaren und andererseits übererfüllten Zielen immer größer. Zu diesem Ergebnis kommt der Energiewende-Index, mit dem McKinsey & Company seit 2012 anhand von 15 Indikatoren den Status der Energiewende in Deutschland halbjährlich abbildet. Die aktuelle Analyse der Unternehmensberatung zeigt: Während sich beispielsweise die Kosten für Netzeingriffe und die Strompreise immer weiter von den ursprünglich gesteckten Zielen entfernen, erreicht etwa der Offshore-Wind-Ausbau Spitzenwerte weit über den geforderten Mindestmarken.

Für sieben der insgesamt 15 untersuchten Kennzahlen bleibt das Erreichen der Ziele "realistisch", bei den meisten mit steigender Tendenz. Lediglich der Ausbau der Photovoltaik (PV) entwickelt sich wegen der geringeren staatlichen Förderung leicht rückläufig. Beim Ausbau der Transportnetze besteht weiterhin Anpassungsbedarf. Für sieben Indikatoren ist eine Zielerreichung nach der Analyse unrealistisch - mit Tendenz zu weiterer Verschlechterung. Dazu gehören die Aspekte Ausstoß von CO2-Äquivalent-und Höhe der EEG-Umlage, über die jährlich zum 15. Oktober neu entschieden wird.

Teure Netzeingriffe und hohe Strompreise belasten die Bilanz

Zu den massivsten Veränderungen im Index zählt der starke Anstieg der Kosten durch Netzeingriffe. "Immer häufiger sind so genannte Redispatch-Maßnahmen notwendig, die das Zu- und Abschalten von Kraftwerkskapazitäten regeln", sagt McKinsey-Seniorpartner Thomas Vahlenkamp, der den Index entwickelt hat. Dadurch haben sich die Kosten auf zuletzt 403 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Die wachsende Zahl der Netzeingriffe resultiert fast vollständig aus Engpässen auf den Nord-Süd-Trassen in den Regelzonen der Übertragungsnetzbetreiber.

Nicht nur die teuren Netzeingriffe verschlechtern die ökonomische Bilanz der Energiewende, das gilt auch für die aktuelle Strompreiseentwicklung. Die Haushalts- und Industriestrompreise in Deutschland entfernen sich immer mehr vom EU-Durchschnitt. Inzwischen liegt das Preisniveau für deutschen Haushaltsstrom 42,1% über dem europäischen Durchschnitt, beim Industriestrom sind es rund 20% mit steigender Tendenz. Auch für weitere zentrale Kenngrößen sind die Ziele der Energiewände massiv gefährdet: Der Primärenergieverbrauch ist im Analysezeitraum konjunkturbedingt um 2,3% angestiegen, der Stromverbrauch ist nur leicht gesunken. Auch die Emissionen stiegen: Mit zuletzt 925 Mt ist der CO2e-Ausstoß von seiner 2020-Zielmarke (750 Mt) weit entfernt.

Die Ergebnisse im Detail

1. Indikatoren mit realistischem Tempo in der Zielerreichung

   - Offshore-Wind-Ausbau: Mit einer abermals gestiegenen Leistung 
     auf jetzt 3,3 GW liegt der Indikator mit einem Erfüllungsgrad 
     von knapp 170% weit über dem derzeitigen Zielwert. Angestrebt 
     wird eine Kapazität von 6,5 GW im Jahr 2020.
   - Solar PV-Ausbau: Die Verlangsamung des Ausbaus von Photovoltaik 
     setzt sich weiter fort. Zu der installierten Kapazität von 39,1 
     GW im Oktober 2015 kamen bis April 2016 nur 0,4 GW an neu 
     errichteten Anlagen hinzu. Dennoch liegt der Indikator mit 115% 
     immer noch über dem Zielwert.
   - Gesicherte Reservemarge: Der Indikator für Kapazitätsreserven in
     deutschen Kraftwerken steigt nochmals von 238% auf jetzt 292%. 
     Die Energieversorgung ist damit zumindest auf nationaler Ebene 
     nach wie vor gewährleistet. Doch die gestiegenen Kosten für 
     Netzeingriffe zeigen, dass es regional immer wieder zu Engpässen
     kommt.
   - Anbindung Offshore-Windparks: Die Anbindung der bestehenden 
     Offshore-Windparks ist abgeschlossen: Nach Fertigstellung der 
     noch benötigten Umspannstationen konnten alle verbliebenen 
     Windanlagen ans Netz gehen. Damit erreicht der Indikator sein 
     Ziel zu 100 %.
   - Ausfall Stromversorgung: Die Ausfalldauer pro Kunde betrug 
     zuletzt nur noch 12,3 Minuten, wodurch die Zielerreichung des 
     Indikators auf 113 % steigt und damit "realistisch" bleibt. 
     Insgesamt zählt das deutsche Stromnetz zu den 
     versorgungssichersten weltweit. Grund für die neuerliche 
     Verbesserung ist aber auch die geringere Zahl extremer 
     Wetterereignisse im Vergleich zum Vorjahr.
   - Arbeitsplätze in erneuerbaren Energien: Die Arbeitsplätze in 
     erneuerbaren Energien verlagern sich: Insgesamt ist die 
     Beschäftigung von 371.400 auf 355.400 Jobs gesunken. Mit einer 
     Zielerreichung von 110 % liegt der Indikator aber weiterhin im 
     Zielkorridor. Allerdings verlagern sich die Arbeitsplätze weg 
     von der Solarbranche - hier fiel jeder dritte Job weg - hin zur 
     Windkraft, wo durch vermehrten Zubau sowohl onshore als auch 
     offshore neue Stellen geschaffen wurden.
   - Mehr Arbeitsplätze in stromintensiven Industrien: Mit rund 
     45.000 neu geschaffenen Arbeitsplätzen setzt sich das 
     Beschäftigungswachstum in stromintensiven Industrien fort. 
     Mittlerweile liegt die Zahl der Arbeiter und Angestellten in 
     diesem Wirtschaftszweig bei rund 1.661.000. Das schon zuvor 
     realistische Ziel wird damit um 21% übertroffen. 

2. Indikatoren mit leichtem Anpassungsbedarf

   - Ausbau Transportnetze: Auf Grund von Ausbauverzögerungen beläuft
     sich der bisherige Zubau auf rund 614 km und erreicht damit sein
     Etappenziel nur zu 72% - mit rückläufiger Tendenz. 2020 soll die
     Gesamtlänge 1.887 km betragen. Um dieses Ziel zu erreichen, 
     müssten pro Jahr etwa 300 km zugebaut werden. In 2015 waren es 
     zuletzt knapp 150 km. 

3. Indikatoren mit unsicherer Zielerreichung

   - Kosten Netzeingriffe: Die Kosten für die Einspeisung 
     zusätzlicher Kapazitäten haben sich gegenüber dem letzten Index 
     von rund 2,00 EUR/MWh auf 3,40 EUR/MWh spürbar erhöht. Der 
     Indikator sinkt damit in seiner Zielerreichung auf ein neues 
     Allzeittief von -141%.
   - Primärenergieverbrauch: Der bereits 2015 deutlich außerhalb des 
     Zielkorridors liegende Primärenergieverbrauch steigt 
     konjunkturbedingt noch einmal um 300 Petajoule (umgerechnet rund
     83 TWh) an. Der vorgesehene Zielwert ist damit zu gerade einmal 
     46% erreicht.
   - Stromverbrauch: Der Stromverbrauch in Deutschland im Jahr 2015 
     ging zwar leicht zurück und betrug gemäß einer aktualisierten 
     Schätzung der AG Energiebilanzen 594 TWh. Der Wert liegt damit 
     aber weiterhin über dem Ziel von 579 TWh. Der Indikator 
     verbessert sich jedoch leicht auf eine Zielerreichung von nun 
     59%.
   - Haushaltsstrompreise: Obwohl die hiesigen Haushaltsstrompreise 
     von 29,49 ct/kWh auf 29,35 ct/kWh fielen, wächst der Abstand zu 
     anderen Ländern. Die Zielerreichung des Indikators 
     verschlechtert sich von 37% auf 35%.
   - Industriestrompreise: Während es europaweit zu einem Rückgang 
     von 0,3% kam, stieg der Preis in Deutschland um 1,2% auf aktuell
     11,24 ct/kWh. Haupttreiber hierfür sind gestiegene Netzkosten, 
     die den gesunkenen Großhandelspreisen in der zweiten 
     Jahreshälfte 2015 gegenüberstehen. Der Indikator mindert dadurch
     seine Zielerreichung von -24% auf -45%.
   - Ausstoß CO2-Äquivalent: Die Emissionen haben sich auf 925 Mt 
     erhöht und rücken das für 2020 angepeilte Ziel von 750 Mt in 
     immer weitere Ferne. Eine Ursache ist die nach wie vor starke 
     Stromgewinnung aus Kohle, die 2015 zudem Rekordraten im Export 
     erzielte. Die Zielerreichung des Indikators liegt jetzt bei 42 %
     und bleibt somit weiterhin "unrealistisch".
   - EEG-Umlage: Nach kurzzeitiger Senkung in 2015 ist die Umlage für
     erneuerbare Energien 2016 auf 6,35 ct/kWh erneut angestiegen. 
     Der Indikator verschlechtert sich dadurch auf 18 %. Vom 
     ursprünglich anvisierten Umlagefixum von 3,5 ct/kWh ist heute 
     keine Rede mehr. Zum Stichtag 15. Oktober wird über die nächste 
     Erhöhung entschieden. 

Hintergrund und Methodik

Der Energiewende-Index von McKinsey bietet alle sechs Monate einen Überblick über den Status der Energiewende in Deutschland. Feedback und Rückmeldung dazu sind ausdrücklich erwünscht und werden bei der Aktualisierung des Index berücksichtigt, sofern es um öffentlich zugängliche Fakten geht. Auf der Website von McKinsey besteht die Möglichkeit, den Autoren zum Thema Energiewende Feedback zu geben. Dort finden Sie auch einen detaillierten Überblick über den Index und die untersuchten Indikatoren: www.mckinsey.de/energiewendeindex

Über McKinsey

McKinsey & Company ist die in Deutschland und weltweit führende Unternehmensberatung für das Topmanagement. 27 der 30 DAX-Konzerne zählen aktuell zu den Klienten. In Deutschland und Österreich ist McKinsey mit Büros an den Standorten Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München, Stuttgart und Wien aktiv, weltweit mit über 100 Büros in mehr als 60 Ländern.

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