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Heinz Schilling erklärt das Jahr 1517 ganz neu

Spannender Vortrag zum Bestseller beim Fugger Forum

Das "Reformationsjahr" einmal aus ganz neuen Perspektiven: Warum der Luthersche Thesenanschlag 1517 weder das einzige noch das entscheidende Momentum für den Beginn der "Neuzeit" war, erläuterte der bekannte Historiker Heinz Schilling beim Fugger Forum. In einer Zusammenfassung seines Bestsellers "1517" stellte Schilling in Augsburg seine Hauptthesen vor.

Die Gäste im gut gefüllten Jakob-Fugger-Saal im Augsburger IHK Gebäude erlebten einen so spannenden wie lehrreichen Abend. Thematisch bestens eingeführt vom wissenschaftlichen Leiter des Fuggerarchivs, Prof. Dietmar Schiersner, erschloss sich den Zuhörern aus Heinz Schillings Vortrag ein ganz neuer Blickwinkel auf die Reformation. Man konnte im wahrsten Sinne zuschauen, wie Schilling den ganz großen Bogen über die Weltgeschichte des Jahres 1517 spannte: der Vortrag wurde nämlich live von Illustrator Bulo als Graphic Recording aufgezeichnet und auf die Großleinwand übertragen.

Im Verlauf des Abends entstand das schlüssige Bild eines global bedeutenden Jahres 1517. Denn ganz unabhängig vom Thesenanschlag kam es zu einer Vielzahl von Ereignissen, Strategien und Zufällen, deren Folgen bis heute wirken. Man müsse statt mit der Lupe auf die Reformation in Deutschland zu schauen, auch einmal das Fernrohr auf die Entwicklungen außerhalb richten - so die Empfehlung Schillings. So sei eben auch die Reformation in zwei Ästen verlaufen. Luthers reformatorische Erfolge wären nicht denkbar, wenn nicht zuvor schon starke innerkirchliche Reformationsbestrebungen den Boden bereitet hätten. So trieb gerade Spanien unter Kardinal Ximenez schon vor 1517 Reformen voran, war also in Bildungs- und Glaubensdingen weitaus fortschrittlicher als heute allgemein angenommen. Insbesondere die Universität von Toledo war ein Brennpunkt reformatorischen Bildungsgutes und eben nicht nur Wittenberg. Auch andere überraschende Verknüpfungen im und um das Jahr 1517 führten zu den Verhältnissen, wie wir sie heute kennen - etwa der Sieg der Osmanen über die Mamelucken als Ursache für geografisch festzumachende Religionsunterschiede z.B. auf dem Balkan oder im heutigen Syrien.

Eine weitere Auswirkung einzelner globaler Ereignisse war die Entwicklung des europäisch-amerikanischen Reichs der Habsburger auf der einen Seite und einer osmanischen Herrschaft auf der anderen Seite, ebenso wie etwa die weitere Abschottung Chinas gegen außen. Schließlich enthüllte Schilling noch des Rhinozeros "Odysseus", das als Geschenk des portugiesischen Königs für den Papst nicht nur politische Verbindungen begünstigen sollte, sondern als Ausstellungsstück auch das Interesse einer nach das Weltwissen strebenden Kaufmannschaft und natürlich innovativer Künstler wie Albrecht Dürer weckte. Was die Neugier auf die Welt betrifft, verlief laut Schilling innerhalb Deutschlands eine interessante Trennlinie. Während man im dem süddeutschen Teil die Erfahrungen aus exotischen Erdteilen und Zeugnisse des humanistischen Erbes durch gelehrten Austausch, durch

Sammlungen, Kuriositäten-Kabinetten und dergleichen förderte, zeigte das nordöstliche Deutschland daran weniger Interesse. Auch Luther hat sich laut Schilling in keiner Form mit einem Ausgreifen des "lateinischen Europas" auf andere Kontinente auseinandergesetzt, sondern blieb in seinem Denken innerhalb eines konventionellen Horizonts.

Das Fazit: Auch wenn Luthers großer Mut und historische Leistung für die Reformation und Neuzeit unbedingt zu würdigen sei, sollte dies in Bescheidenheit und ohne "einen deutschen protestantischen Triumphalismus" geschehen. Heinz Schillings Fernrohr-Sicht auf die Dinge sorgte beim Publikum jedenfalls für interessiertes Staunen. Insbesondere die spannenden Parallelen und Bezüge zu heute und die Frage "Was können wir aus der Geschichte lernen?" wurde beim Get-together nach der sehr erfolgreichen Veranstaltung des Fugger-Archivs noch intensiv diskutiert.

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