Berufsverband Deutscher Anästhesisten e. V.

Dem Bystander-Effekt auf der Spur: Was uns an der Reanimation beim Kreislaufstillstand hindert
Deutschlands Anästhesisten fördern Hilfsbereitschaft

Nürnberg (ots) - Eine bewusstlose Person mitten unter uns und keiner hilft: Zuschauereffekt (engl. "Bystander"-Effekt) heißt dieses Phänomen. Immer wieder verstreicht wertvolle Zeit, bis Menschen mit Kreislaufstillstand von Laien reanimiert werden. 31 Prozent der Bundesbürger greifen in Deutschland bei einem Notfall helfend ein. "In den Niederlanden liegt diese Zahl bei knapp 70 Prozent", betont PD Dr. Jan Thorsten Gräsner, Sprecher des Organisationskomitees des Deutschen Reanimationsregisters. Woran das liegt und in welchen Situationen die Hilfsbereitschaft höher ist, wissen der Berufsverband Deutscher Anästhesisten e. V. (BDA) und die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie & Intensivmedizin e. V. (DGAI). Die Verbände setzen auf frühzeitige und regelmäßige Fort- und Ausbildung, angefangen bei Schülern ab der 7. Klasse, damit Menschen in Not häufiger Unterstützung erfahren.

Seit mehr als 50 Jahren erforschen Psychologen nun das Phänomen des Nicht-Helfens. Bekannt wurde es als Genovese-Syndrom. Genovese ist der Name einer 28-jährigen US-Amerikanerin, die 1964 vor ihrem Haus in Queens (New York) erstochen wurde. Knapp 40 potentielle Zeugen gab es. Keiner griff wirksam ein. Jeder verließ sich auf den anderen.

"Um mehr Menschen zum Helfen im Notfall zu mobilisieren, ist es wichtig, ihnen beizubringen, eine Notsituation zu erkennen und schnell einzugreifen", so Gräsner. Die Wahrnehmung hängt von vielen Einflussfaktoren ab, sogar die Stimmung des Helfers scheint eine Rolle zu spielen. "Je positiver die Einstellung, desto feiner die Antennen und das Gespür für den Notfall", erläutert der Mediziner. Zeitdruck spielt ebenso eine wichtige Rolle für die Hilfsbereitschaft. Menschen die unter Zeitdruck stehen, überlassen eher den anderen Zuschauern die Arbeit, weil sie Wichtigeres zu tun haben. "Deshalb ist es erforderlich, so viele Menschen wie möglich in Wiederbelebung auszubilden", ruft Gräsner auf.

Ist der Notfall als solcher erkannt, muss die Situation interpretiert werden: Worum handelt es sich? Was kann ich tun? Wer allein als Helfer auf einen Hilfsbedürftigen trifft, denkt möglicherweise nicht so lange über seine Kompetenzen nach. Bei einer Gruppe von Menschen stellen sich viel mehr Beteiligte die Frage, ob sie sich nicht vielleicht blamieren, oder ob es nicht Beobachter mit mehr Fähigkeiten gibt. Auch die Schwere der Notlage wird oft falsch interpretiert: "Wenn noch kein anderer eingegriffen hat, kann es ja nicht so schlimm sein." So denken viele. Pluralistische Ignoranz ist der Fachbegriff für dieses Verhalten.

Verantwortung übernimmt dann nur derjenige, der glaubt, kompetent genug zu sein, oder besser qualifiziert als die anderen. "Dabei ist Helfen gar nicht schwer: Man prüft das Bewusstsein der Person: Ist sie ansprechbar? Bei keiner oder keiner normalen Atmung sofort die 112 wählen und so den Notruf absetzen. Anschließend sofort mit der Herzdruckmassage anfangen. Dazu wird 100 Mal pro Minute fest in die Mitte des Brustkorbes gedrückt", erklärt der Notarzt die lebenswichtigen Schritte. Das Verantwortungsgefühl nimmt rapide ab, wenn mehrere Menschen vor Ort sind. "Stehen viele Menschen um einen herum, hilft es, sie direkt anzusprechen: 'Du rufst den Rettungsdienst!', 'Du hilfst mir beim Reanimieren', oder 'Du gehst einen Defibrillator suchen!'", ermutigt der Notarzt. "Denn Menschen, die eine Verantwortung übertragen bekommen, sind eher bereit zu helfen."

"Immer mehr Leitstellen führen im Notfall durch eine Reanimation: Sprich, sie bleiben die ganze Zeit am Telefon und geben genaue Anweisungen, was zu tun ist - bis der Rettungsdienst eingetroffen ist", so Gräsner. Das Anleiten durch einen Mitarbeiter in einer Notrufleitstelle ist für viele eine große Hilfe: "Er nimmt die Angst, etwas falsch zu machen", weiß Gräsner aus Gesprächen mit Betroffenen.

Warum verläuft manche Hilfe dann immer noch so schleppend?

Helfer haben oft Angst, sich strafbar zu machen. Bei der Reanimation herrscht große Unsicherheit darüber, ob dem Hilfesuchenden wirklich geholfen oder durch die Reanimation Schaden zugefügt wird. "Regelmäßige Auffrischungskurse stärken das Vertrauen in die eigenen Fertig- und Fähigkeiten", sagt der Experte. Zudem gäbe es in Deutschland keinen Fall, in dem ein Retter wegen gebrochener Rippen, eines zerschnittenen T-Shirts o.ä. Schäden, die durch Erste Hilfe Maßnahmen entstanden sind, verklagt worden sei. "Schauen Sie im Notfall nicht weg, Ihr Eingreifen rettet Leben!", appelliert Gräsner. Der BDA und die DGAI plädieren daher für regelmäßige Reanimations-Trainings und möchten mit der Kampagne "Ein Leben Retten. 100 Pro Reanimation" das Selbstvertrauen der Bürger in ihre eigenen Fähigkeiten als Ersthelfer stärken - denn beherztes Eingreifen rettet Leben!

Wichtige Infos zur Kampagne gibt es unter www.einlebenretten.de.

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Stephanie Wodtcke (-21)
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