Thüringische Landeszeitung

Thüringische Landeszeitung: Nazijargon als Vorbild - "Lügenpresse" zu Recht ein Unwort
Leitartikel von Florian Girwert zum Unwort des Jahres

Weimar (ots) - Gelegentlich beschleicht uns Redakteure das Gefühl, ein Thema richtig aufgegriffen zu haben. Der gestrige Leitartikel handelte davon, dass vor allem die Politik die hohen Teilnehmerzahlen bei Pegida-Demonstrationen als Anlass nehmen muss, das eigene Handeln zu hinterfragen - das hat vor allem von linker Seite Kritik ausgelöst.

Mehr als einmal schallte auch uns der Anwurf "Lügenpresse" entgegen - meist in anonymen Kommentaren auf unserer Internetseite. In Dresden hat er sich zum Kampfbegriff vieler Pegida-Demonstranten entwickelt, die sich falsch dargestellt sehen. Allein, es darf als problematisch gesehen werden, wenn sich zahlreiche Menschen berufen fühlen, diesen von Nazis mehr als einmal gebrauchten Terminus zu skandieren. Einerseits wollen viele bei Pegida nicht mit Rechten in die gleiche Ecke gestellt werden. Andererseits demonstrieren sie aber einträchtig mit jenen, die sich - offizielles Pegida-Programm hin oder her - auf den Demos recht ungeniert beim Nazijargon bedienen. Da werden schon mal Politiker und Journalisten als Volksverräter beschimpft.

Da ist es nur angemessen, diese Wortwahl kritisch zu betrachten. Dass die "Lügenpresse" nun Unwort des Jahres geworden ist, verdient Lob. Wenn Medien pauschal diffamiert werden, nur weil sie nicht die vermeintlich richtige Meinung transportieren, ist das ungehörig. Viele Journalisten mühen sich, die Pegida-Bewegungen differenziert zu betrachten, und werden gleichzeitig ungeniert beleidigt und verteufelt.

Gleichzeitig zeigt der Kampfbegriff sehr deutlich, wie schwer es künftig fallen wird, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Wenn jeder nur noch hören, lesen und sehen will, was das eigene Meinungsbild bestätigt, laufen wir auf eine gespaltene Gesellschaft zu, in der das Verständnis für andere Meinungen immer weiter abnehmen wird. Das kann auch nicht im Interesse von Pegida-Anhängern sein.

Pressekontakt:

Thüringische Landeszeitung
Chef vom Dienst
Norbert Block
Telefon: 03643 206 420
Fax: 03643 206 422
cvd@tlz.de



Weitere Meldungen: Thüringische Landeszeitung

Das könnte Sie auch interessieren: