Thüringische Landeszeitung

Thüringische Landeszeitung: Die Party ist vorbei - Michael Müller und die Wowereit-Nachfolge
Leitartikel von Axel Zacharias zum designierten Regierenden Bürgermeister von Berlin

Weimar (ots) - Sicherlich hat man nicht immer zu Recht Klaus Wowereit nachgesagt, er sei mehr an Partys interessiert als an oft beschwerlicher Regierungsarbeit. Auch er kennt die Mühen der Ebene, auch wenn sich das Bild des aus High Heels trinkenden Regierenden Bürgermeisters eingeprägt haben dürfte.

Sein designierter Nachfolger Michael Müller aber ist nach allem, was man von ihm weiß, kein Mann des Glamours. Sicher wird auch er die Filmfestspiele eröffnen und beim Bundespresseball fotografiert werden. Aber er dürfte wohl alles andere sein als die personifizierte Fortsetzung der Wowereit-Ära. Denn: 63 Milliarden Euro Schulden lasten weiterhin bleischwer auf der Hauptstadt. Bei den Sozialausgaben ist Berlin Spitze, bei unnötigen Ausgaben wie Schuldenzinsen und Kosten für den immer noch unfertigen Hauptstadt-Flughafen auch. Andererseits: Eine Hauptstadt hat nun mal auch andere Kosten zu stemmen als "normale" Großstädte. Dies an die Adresse der Dauer-Nörgler vor allem aus dem Süden der Republik.

Auf den eher nüchternen Müller wartet eine Herkules-Aufgabe. Eine neue Regierungsmannschaft muss zusammengestellt werden. Künftig sind nicht nur Zinsen zu zahlen, sondern es muss auch die Tilgung der Schulden in Angriff genommen werden. Der bisherige Bausenator kennt sich aus in seiner Stadt, er weiß, wo es klemmt. Dem 49-jährigen Buchdrucker und Bürokaufmann ist deshalb auch genau die Schwere seiner Aufgabe bewusst. Und: Trotz des Sieges beim Berliner SPD-Mitgliederentscheid über die Wowereit-Nachfolge kennt er auch Niederlagen. Der Volksentscheid über die Nutzung des stillgelegten Flughafens Tempelhof bescherte ihm eine solche - und warf ihn nicht um. Ebenso wie seine Absetzung als Berliner SPD-Landeschef vor zwei Jahren. Müller ist ein Stehaufmännchen, der aus Niederlagen lernt. Das lässt hoffen, dass er der richtige Mann für die augenblickliche Verfassung der deutschen Hauptstadt ist.

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