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Thüringische Landeszeitung: Kommentar zu Papst Franziskus, Weihnachten

Weimar (ots) - Die Menschen mögen ihn, seine Bescheidenheit, seine Herzlichkeit - innerhalb weniger Monate hat der Papst die Herzen der Menschen erobert - nicht nur die der Katholiken. Franziskus Superstar. Revolutionäres hat er gepredigt, seine Geißelung des Kapitalismus ist gnadenlos. Wenn er das, was er sagt, ernst meint, ist es nicht weniger als eine Revolution in der Kirche, die er vorhat.

Die Kirche der Armen, die er predigt - sie passt zu dem Bild des hilflosen Kindes in der Krippe, das die Christen jedes Jahr zu Weihnachten feiern. Nah bei den Menschen soll sie sein, die Kirche von Franziskus. Auf die moralische Instanz des Papstes, auf seine gnadenlose Kritik an den Verirrungen der Finanzmärkte können sich aber auch alle die berufen, die keine Christen sind.

Und doch ist da ein Zwiespalt, gerade auch bei den Deutschen. Umfragen der jüngsten Zeit zeigen, dass der Papst über die Konfessionsgrenzen hinaus bei mehr als zwei Dritteln der Deutschen Sympathien erntet, dass sie ihm Fortschrittlichkeit und Reformbereitschaft attestieren. Gleichzeitig gibt es aber nagende Zweifel, ob Franziskus die von ihm angestrebten Veränderungen in der Kirche wirklich bewirken kann.

Erlebt Franziskus irgendwann in absehbarer Zeit den Obama-Effekt? Kann er die großen Hoffnungen, die in ihn gesetzt sind, nicht erfüllen? Es gibt viele Ankündigungen, über die Reform des Papstamtes beispielsweise, über die Praxis der Sakramentenspendung, es gibt viele Mahnungen und Ermahnungen an die Welt - aber bisher nur wenig fassbare Taten. Der Zwangsurlaub des Protz-Bischofs von Limburg, der die Glaubwürdigkeit der Kirche in diesem Jahr schwer erschüttert hat, ist eine davon. Aber was wird endgültig aus Tebartz van-Elst?

Der Papst lässt sich Zeit. Wie mit vielen anderen Dingen. Dieser Eindruck drängt sich den Beobachtern auf. Noch fliegen dem Papst die Herzen zu - aber hochtrabende Hoffnungen können sich auch in tiefe Enttäuschungen verwandeln. Niemand weiß, wie stark der Rückhalt ist, den der Papst bei Kardinälen und Theologen wirklich hat. Außerdem: Viele Positionen der Kirche werden selbst von den Gläubigen kritisiert oder verworfen. Die Ablehnung in der Gesamtgesellschaft ist noch viel größer. Der Papst scheint bereit, sich auch dieser Realität zu stellen und Konsequenzen zu ziehen.

Die vollen Kirchen am heutigen Heiligen Abend sind nicht die Orientierungsmarke. Denn spätestens nach Weihnachten beginnt der bittere Alltag wieder, sind die Kirchenbänke wieder leer. Die Gesellschaft braucht aber eine starke Kirche als moralische Instanz. Franziskus hat das Zeug dazu, zu einer moralischen Leitfigur für die Welt zu werden. Im zweiten Jahr seines Pontifikats muss er seinen Worten mehr Taten als bislang folgen lassen.

Von Hartmut Kaczmarek

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