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Vietnam auf dem Weg zu einem neuen nachhaltigen Wirtschaftswachstumsmodell

Wiesbaden (ots) - Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 hat die vietnamesische Regierung erfolgreich den Kurs der makroökonomischen Stabilisierung eingeleitet und damit eine schnelle Erholung der Wirtschaft von der Krise ermöglicht. Allerdings steht Vietnam noch vor großen Herausforderungen, die eine grundlegende Restrukturierung der Wirtschaft hin zu einem neuen nachhaltigen Wachstumsmodell erfordern.

Stabiles Wirtschaftswachstum und gute Aussicht für die nächsten Jahre

Obwohl es wie fast jedes Land auf der Welt die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise in den letzten Jahren zu spüren bekommen hat, hat sich Vietnam dank einer flexiblen Wirtschaftspolitik vergleichsweise schnell davon erholt. Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre blieb auf einem relativ hohen und stabilen Niveau mit fünf bis sechs Prozent.

Die neuesten Wirtschaftsdaten bestätigen diesen Aufwärtstrend. Bis Ende September 2014 wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 5,62 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum - die Prognosen für das gesamte Jahr liegen durchschnittlich bei 5,6 Prozent. Die Inflationsrate bleibt mit 2,25 Prozent für die ersten neun Monate 2014 sehr niedrig und wird mit unter fünf Prozent für das gesamte Jahr erwartet. Das ist schon eine beachtliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die Teuerungsrate in den Jahren 2010/11 über 20 Prozent lag. Damit einhergehend hat sich der vietmesische Dong stabilisiert, wobei der Wechselkurs zum US-Dollar seit drei Jahren stabil ist. Das Haushaltsdefizit ist zwar in den letzten Jahren gestiegen, wird aber für dieses Jahr aufgrund höherer Steuereinnahmen zurückgehen und liegt momentan bei 5,3 Prozent des BIP.

Die Arbeitslosenquote im dritten Quartal 2014 liegt bei nur 2,2 Prozent. Die Industrieproduktion im Oktober 2014 ist um 7,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen, während der Einzelhandel inflationsbereinigt um 6,4 Prozent wuchs. Realisierte direkte Auslandsinvestitionen (FDI) haben mit 5,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zugelegt, nicht zuletzt dank der Millardeninvestitionen von internationalen Großkonzernen wie Samsung, Microsoft und Intel. Zudem steigen seit Jahren die finanziellen Zuwendungen im Rahmen der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (ODA). Des Weiteren nahm die Kreditvergabe an Unternehmen wieder zu und trug damit zu mehr Investitionen und zur Ankurbelung der Wirtschaft bei.

In den ersten zehn Monaten 2014 wachsen die Exporte mit 123,1 Mrd. USD um 13,4 Prozent und die Importe mit 121,2,6 Mrd. USD um 11,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Für 2014 werden ein Ausfuhrvolumen von 148 Mrd. USD (ein Plus von 12,1 Prozent) und ein Einfuhrvolumen von 146,5 Mrd. USD (ein Plus von 11 Prozent) erwartet. Damit würde Vietnam zum wiederholten Male einen Außenhandelsüberschuss erzielen. Durch die Handelsüberschüsse in den letzten Jahren hat Vietnam eine Währungsreserve von 35 Mrd. USD angehäuft. Wichtigste vietnamesische Exportprodukte sind mittlerweile Textilien, Elektronikteile, Produkte der Leichtindustrie, des Handwerks sowie meeres-, land- und forstwirtschaftliche Produkte (Reis, Kaffee, Gewürze, Meeresfrüchte). Die EU ist nach den USA der zweitwichtigste Exportmarkt für Vietnam mit einem Ausfuhrvolumen von 22,6 Mrd. USD für die ersten zehn Monate 2014 - ein Plus von 12,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Der Aktien- und der Immobilienmarkt haben sich langsam aber stetig erholt. In den ersten neun Monaten 2014 sind die beiden wichtigsten Aktienindizes (VN-Index und HNX-Index) jeweils um 19,9 bzw. 30,4 Prozent gestiegen, was Vietnams Aktienmarkt zu den fünf am stärksten wachsenden Märkte weltweit gemacht hat. Das Immobilienhandelsvolumen hat sich im selben Zeitraum verdoppelt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Insgesamt lassen die jüngsten Zahlen einen optimistischen Ausblick für das laufende sowie die nächsten Jahre zu. Während die Rating-Agentur Moody's Vietnams Bonität von "B2" auf "B1" hochstufte, attestierte Fitch Vietnams Wirtschaftsausblick als "positiv". Die Zinsen für Staatsanleihen mit sowohl kurz- als auch langfristigen Laufzeiten sinken immer weiter, d.h.Vietnam genießt immer mehr Vertrauen von Anlegern und kann sich leichter am internationalen Kapitalmarkt Geld beschaffen. Der "Purchasing Managers Index" (PMI) für Vietnam - der wichtigste und verlässlichste Frühindikator für die wirtschaftliche Aktivität - ist seit 2012 im Durchschnitt über 50, was steigende Erwartung der zukünftigen Industrieproduktion bedeutet. Auch das Konsumklima im dritten Quartal 2014 ist positiv - der "Nielsen Consumer Confidence Index" für Vietnam ist auf über 100 gestiegen.

Restrukturierung der Wirtschaft und neues Wachstumsmodell

Bei aller positiver Aussicht steht Vietnam immer noch vor großen Herausforderungen. Zum Einen ist es die hohe Staatsverschuldung, die noch einmal in den letzten Jahren stark gestiegen ist und schon fast 60 Prozent des BIP erreicht. Die hohe Staatsverschuldung ist eng verbunden mit dem hohen Haushaltsdefizit, das u.a. durch die Misswirtschaft der maroden Staatskonzerne in den letzten Jahren noch mehr zunahm. Zum Anderen leidet der Finanz- und Bankensektor unter den notleidenden Krediten, die insgesamt bis zu 22 Mrd. USD geschätzt werden und hauptsächlich der Immobilienblase in den 2000er Jahren geschuldet sind. Wirtschaftsexperten zufolge ist das Problem der notleidenden Kredite zwar nicht groß genug, um eine Wirtschaftskrise auszulösen, es kann allerdings die Erholung der Wirtschaft deutlich bremsen. Des Weiteren hat Vietnam als Investitionsstandort noch viele Schwächen wie z.B. unausgereifte gesetzliche Rahmenbedingungen für Investitionen, niedrige Arbeitsproduktivität, fehlende hochentwickelte Infrastrukturen etc. Außerdem ist Vietnams Außenwirtschaft bisher nur auf die Produktion von Gütern mit geringer Wertschöpfung beschränkt und sehr abhängig von China - einem unberechenbaren und schwierigen großen Nachbarn.

Vietnams Führer haben diese großen Probleme erkannt und bereits viele wirtschaftspolitische Maßnahmen eingeleitet. Neben makroökonomischen Stabilisierungsmaßnahmen wie mehr Haushaltsdisziplin und flexibler Zins- und Geldpolitik setzt Vietnam auf die konsequente Restrukturierung seiner Wirtschaft, insbesondere auf die Privatisierung staatlicher Unternehmen und die Reformierung des wichtigen Banken- und Finanzsektors. So wurden neben vielen kleinen und mittleren Unternehmen bereits einige staatliche Großbanken und Großunternehmen aus dem Bereich der Telekommunikation, Verkehr und Transport (teil-)privatisiert. Um die Probleme mit den notleidenden Kredite zu lösen, hat Vietnam eine eigene "Bad Bank" gegründet (VAMC). Die Abwicklung kommt relativ gut voran mit dem bisherigen Aufkauf von fast 5 Mrd. USD notleidenden Krediten durch VAMC. Um den Export anzukurbeln und mehr Investitionen aus dem Ausland zu locken, hat Vietnam in den letzten Jahren viel Anstrengung für die Integration in die Weltwirtschaft unternommen. So ist Vietnam bereits Mitglied in allen wichtigen internationalen Wirtschaftsorganisationen, u.a. in der Welthandelsorganisation (WTO), der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der ASEAN-Freihandelszone (AFTA), der Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) etc. Insbesondere versucht Vietnam, seine wirtschaftliche Abhängigkeit von China durch das Abschließen von Freihandelsabkommen mit verschiedenen Ländern und Regionen der Welt zu reduzieren. Zurzeit führt Vietnam Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU (EVFTA), dessen Abschluss Ende 2014 oder Anfang 2015 erwartet wird. Auch mit den USA will Vietnam ein Freihandelsabkommen (TPP) schließen, bei dem die Verhandlungen ebenfalls bald abgeschlossen werden.

Um seine wirtschaftliche Entwicklung dauerhaft zu sichern, will Vietnam darüber hinaus langfristig auf ein neues nachhaltiges Wachstumsmodell setzen, wobei der Fokus auf die Förderung von Innovation, Hochtechnologie sowie grüner und wissensbasierter Wirtschaft gelegt wird. Dafür hat die Regierung bereits angefangen, das Bildungs- und Ausbildungssystem grundlegend zu reformieren sowie noch mehr Investitionen in den Ausbau von Infrastrukturen und in den Umweltschutz zu tätigen. Es sind hochgesteckte Ziele, die Vietnam verfolgt. Sie sind aber notwendig, wenn das Land die großen Herausforderungen meistern und langfristig seine Wirtschaftsentwicklung nachhaltig gewährleisten will. Dass es der richtige Kurs ist, zeigt sich in den deutlich verbesserten Vertrauenswerten in der Nationalversammlung für den Ministerpräsidenten Nguyen Tan Dung und einige Minister sowie den Chef der vietnamesischen Zentralbank.

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