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Badische Neueste Nachrichten: Der Vielversprecher - Kommentar von Thomas Migge

Karlsruhe (ots) - Jetzt hat Italien einen Gerhard Schröder. Oder aber auch einen Tony Blair. Ein bisschen wirkt Matteo Renzi auch wie Barack Obama. Das gleiche smarte Auftreten, der gleiche Look, das flotte Überspringen von Stufen, das gewinnende Lächeln. Aber Renzi hat auch einen Touch von Silvio Berlusconi. Wie dieser wirkt er, hört man ihm beim Reden zu, ein bisschen wie ein Immobilienhändler oder wie jemand, der einem eine Versicherung andrehen will. Egal mit wem man Matteo Renzi, Italiens designierten Regierungschef, auch vergleichen mag: er repräsentiert etwas ganz Neues auf der italienischen Politikbühne. Man muss schon in das Jahr 1993 zurückgehen, als Medienzar Berlusconi in nur wenigen Monaten und mit schlagkräftigen Parolen eine Partei aus dem Boden stampfte und kurze Zeit später die Parlamentswahlen gewann, um einen ähnlich starken Wind zu spüren, der, wie jetzt im Fall Renzis, über Italien hinweg weht. Doch Renzi ist kein politischer Newcomer wie es damals Berlusconi war. Renzi müsste eigentlich wissen, dass er das meiste von dem was er jetzt großspurig verkündet, um sein wirtschaftlich, sozial und finanzpolitisch schwer angeschlagenes Land in einer eine bessere Zukunft zu führen, nie wird verwirklichen können. Nicht nur weil er auf Koalitionspartner angewiesen ist, die seinen radikalen Kurs mittragen müssen, sondern weil Italien fast pleite und durch und durch marode ist. Viel Spielraum für tolle und teure Projekte wird er nicht haben. Ist Renzi also ein narzisstischer Blender? Oder ist er der einzige Politiker Italiens, der erkannt hat, dass das Land eine energische Regierung braucht, um Wunder zu vollbringen, die der zögerliche Enrico Letta nie hätte vollbringen können? In Berlin, Paris und Brüssel stellt man sich genau diese Fragen, ohne auch nur ansatzweise Antworten parat zu haben. Das politische Spiel in Italien ist für die europäischen Partner inzwischen so schwer zu kapieren wie zeitgenössisches Regietheater. Sicherlich, die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Eckdaten Italiens haben sich geringfügig verbessert, aber eben nur geringfügig. Noch ist die Gefahr, dass ein Bankrott des Landes die gesamte EU nach unten ziehen könnte, nicht gebannt. Das Hin und Her der politischen Akteure Italiens, das Europa seit Jahren mit ansehen muss, wirkt da nicht gerade beruhigend. Ob Matteo Renzi, der Vielversprecher, der Wortreiche, der jetzt vom Staatspräsidenten den Auftrag erhalten hat, eine Regierung zu bilden, endlich das Ruder entschieden herumreißen kann, muss angesichts der Umstände bezweifelt werden

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