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Badische Neueste Nachrichten: Wo Schwefelhölzer leuchten

Karlsruhe (ots) - Zu den schönsten, zu den traurigsten Märchen zählt Hans Christian Andersens Erzählung vom "Kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern". Der große dänische Dichter erreicht mit seiner Weihnachtsgeschichte aus dem Jahre 1845 noch heute ein Weltpublikum. Denn das bettelarme Kind, das da am Silvesterabend in der Kälte erfriert, stirbt keinen grausamen Tod. Es erlebt am Ende seines jungen Lebens zauberhafte Momente. Es entfacht, völlig alleingelassen von den Menschen, die ihm keine einzige Schachtel abkaufen, ein Streichholz nach dem andern, um im Feuerschein die wunderbarsten Dinge zu sehen - und an deren Kraft zu glauben: Ein imaginärer Ofen wärmt es, ein stimmungsvoll geschmücktes Weihnachtszimmer entführt es in Traumwelten, ein herrlicher Christbaum lässt es trotz blaugefrorener Füße Weihnachten feiern. Bis es schließlich - mit der in Liebe verbundenen Großmutter - in den Himmel einzieht. So stark können Illusion und Irrlichter sein? Andersens Märchen beschreibt keine Fata Morgana in der Kälte. Es führt ins große Mysterium der Glücksfähigkeit. Denn das kleine Mädchen ist in seinem traurigsten Augenblick reicher als die vornehmsten Bürger der Stadt, weil es aus bescheidensten Flammen ein opulentes Gedanken-Feuerwerk und einen Schatz an Vorstellungen zaubert. "Sie hat sich wärmen wollen, sagte man. Niemand wusste, was sie Schönes erblickt hatte." Und somit passt dieses Märchen zu einer Weihnacht, die trotz aller Weltkrisen und Nöte unter guten Vorzeichen steht. Das kleine Glück zum großen machen: Gelingt dies den Erdenbürgern, dann können sie sich friedlich und wohlwollend begegnen. Im kleinen Prozess das Große sehen, das ist möglicherweise auch die Losung für die Berliner Koalition, die sich jetzt zu einer tauglichen Einheit des Widerspruchs formt. Aus Bescheidenheit Großes erreichen, Gerechtigkeit pflegen, Wohlstand verteilen. Das sind die zentralen Postulate des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio, der in diesem Jahr zu Papst Franziskus wurde und stets den Blick auf die Armen dieser Welt richtet. Um einer saturierten Gesellschaft zu zeigen, wie sehr sie vom Kosmos der Armut lernen kann. Franziskus lässt die Schwefelhölzer der Dritten Welt leuchten: Dort, wo noch Demut und tiefe Frömmigkeit unter den Christen wohnen, hausen nicht selten die glücklichsten Menschen. Kleine Schritte als große verstehen: Auch in der Weltpolitik sind die Anfänge entscheidend. Die Wende, die Deutschland 1989 erlebte, ist aus kleinen Anfängen entstanden. Anfänge - und nicht mehr - erlebt die Welt jetzt im Reich Putins, wo der Kremlkritiker Chodorkowski und Pussy-Riot-Mitglieder ein unerwartetes Weihnachtsgeschenk bekamen. Sicher: Diese Streichholz-Flamme lebt von der Inszenierung und auch vom Willen, mit einem demokratischen Zauberlicht von der Ukraine abzulenken. Aber wäre Putin ohne die beharrliche Einmischung des Westens überhaupt zur Amnestie bereit gewesen? Und ist nicht auch der kleinste Fortschritt in einem stockenden Demokratisierungsprozess schon großer Fortschritt? Politik, Machtausübung und Nächstenliebe haben nicht viel gemein, obwohl sie in der Kreativ-Werkstatt für eine bessere Gesellschaft und Welt zusammengehören. Das Märchen von den Schwefelhölzern sagt es einfacher: Wo Glaube und Religion leben, die Hoffnung auf das Bessere pulsiert, wo Visionen existieren dürfen, wo sich Menschen wie die Großmutter und das Mädchen verbinden, treten Nöte zurück. Am Ende sind Oma und Kind - nach Andersen - "im Glanze" und "bei Gott". Dieses Hoffnungslicht setzt jedes Jahr - für alle - das Fest, die im Lichte erstrahlende Heimstatt der Christenheit. Mit seiner großen, über allem schwebenden Weihnachtsbotschaft.

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